15. November 2016

US-Wahlen Raus aus der Meinungsblase

Unklar, wo die Mehrheiten liegen

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Bildquelle: shutterstock Undurchsichtig: Die Meinung der Deutschen

Donald Trump wird neuer US-Präsident – noch vor einem halben Jahr haben die meisten Medienschaffenden das noch für unmöglich, die Kandidatur des Milliardärs eher für einen Gag gehalten. Und die gleichen, die einem noch vor zwei Wochen dargelegt haben, dass Trump abgeschlagen gegen Hillary Clinton hinten liegen würde, erläutern heute, warum er Präsident geworden ist. Ich will nicht von Lügenpresse sprechen, aber niemand wird mehr vermuten, in solchen Berichten noch die Wahrheit zu erfahren.

Womit man rechnet

In der Nacht seiner Wahl und am Morgen habe ich viele Facebook-Posts und Einschätzungen, darunter auch einige von Journalisten, gelesen. Der Eindruck war: Durchaus nachvollziehbares Wahlverhalten und vor allem: So sei nun mal die Demokratie, Trump habe zu Recht gewonnen, Clinton sei aus christlicher Sicht – Thema Abtreibung – sowieso nicht wählbar gewesen. Das traf ziemlich meine Einschätzung, wenn ich nach den Berichten über ihn und nach seiner Wortwahl einen Donald Trump auch wahrlich nicht für die erste christliche Wahl halten würde. Die Medien waren sich da schon über die „Katastrophe“, die seine Wahl darstellen sollte, einig. Was mich aber dann wirklich überraschte, waren die Reaktionen von Kollegen und vielen „Offline-Freunden“: Sie seien geschockt über die Wahl, seien in tiefer Sorge … Damit hatte ich nicht gerechnet.

Was das miteinander zu tun hat? Sowohl die „linken“ Journalisten als auch ich selbst in meinem Umfeld liegen bei der Beurteilung so mancher Mehrheiten womöglich völlig schief. So wie US-Experten die Wahl Trumps für unmöglich gehalten haben, hielt ich die hysterischen Reaktionen für eine Medienerfindung. Beides entpuppt sich als Fehleinschätzung, und ich werde den Verdacht nicht los, dass die Ursache die gleiche sein könnte: Was weiß ein Journalist der „Washington Post“ schon vom Wahlvolk in der amerikanischen Provinz? Was weiß ein „Spiegel“-Redakteur oder ein Tagesthemen-Nachrichtensprecher – und bezeichne er sich noch so vehement als Experte – schon vom Wahlverhalten der Mehrheit der Amerikaner, vor allem derer außerhalb seines persönlichen / politischen Umfelds? Was weiß aber ich selbst schon von der Medien- und Politikwirkung auf die Mehrheit der deutschen Bundesbürger?

Meine Meinung, mein Umfeld

Genauso wie die ersteren bewege ich mich auch in einem gesellschaftlichen Umfeld, pflege Facebook-Kontakte, sehe zu, dass die durchaus nicht einseitig sind, aber natürlich sammle ich solche Kontakte aus dem sozialen Umfeld, in dem ich mich schon bewege und für das ich schreibe. Kein Wunder, dass mein Bild von potentiellen Mehrheiten ein gänzlich anderes ist als das von jemandem, der wirklich neutral auf die Gesellschaft schaut.

Ich bin immer noch überzeugt, dass dieses Land christlich geprägt ist – aber ich umgebe mich im wesentlichen mit christlich geprägten Menschen. Ich bin immer wieder überzeugt, dass der Wunsch nach mehr Freiheit und die Skepsis gegenüber dem Staat normal sein sollten, was aber auch daran liegt, dass die Mehrzahl der Menschen in meinem Umfeld, persönlich oder online, ähnlich tickt. Ich halte die Flüchtlingspolitik der Regierung, bei aller Hilfsbedürftigkeit der meisten nach Deutschland kommenden Menschen, für verantwortungslos und glaube, dass das doch die einzig vernünftige Einstellung sein kann. Und weil in meinem Umfeld viele diese Ansicht teilen, gehe ich erstmal davon aus, dass diese Einstellung mehrheitsfähig sein sollte.

Meinungsblasen nicht nur bei den anderen

Stimmt aber alles nicht: Das Christentum ist vielen Menschen, abgesehen von Nützlichkeitserwägungen, wohl eher egal, Sicherheit und staatlicher Schutz haben für eine große Zahl von Menschen Vorfahrt vor Freiheit, und ganz, ganz viele sind offenbar durchaus immer noch davon überzeugt, dass die Regierungspolitik in diesen Fragen und denen der Flüchtlingsthematik tatsächlich richtig oder sogar alternativlos sei. Wo die Mehrheiten in diesen Fragen liegen, vermag ich nicht zu sagen, aber dass sie nicht so eindeutig sein können, das schwant wohl jedem, der einen Blick über seine „Meinungsblase“ hinaus wagt.

Was am Ende nichts anderes bedeutet: Wer sich heute, wie ich auch, über die Medien aufregt, die die Wahlergebnisse in den USA so fundamental falsch eingeschätzt haben, sollte durchaus auch selbstkritisch sein, ob er denn selbst immer den besseren Einblick hat. Ich jedenfalls war noch bis vor kurzem der Ansicht, dass die Mehrheit der Deutschen der Ansicht sei, die Wahl von Donald Trump sei keine wesentlich größere Katastrophe, als es die von Hillary Clinton gewesen wäre. Wenn ich mich jetzt so umschaue, bin ich nicht sicher, ob das nicht nur die Mehrheit in meiner Meinungsblase so sehen könnte.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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