14. November 2016

RezensionStefan Blankertz: Widerstand

Aus den Akten Pinker vs. Anarchy

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In seinem neuesten Band, wiederum in vorzüglichem Layout, zerlegt der großartige Stefan Blankertz argumentativ Steven Pinker. Dieser stellt in „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“ eine voluminöse Behauptung auf: Die Menschheitsgeschichte sei durch abnehmende Gewalt im Einklang mit der Zivilisierung und dem Aufkommen des Staates gekennzeichnet. Das Ergebnis der Kritik und Gegenrede umfasst 130 Paragraphen und 13 Graphiken, die in acht Kapitel – von „Das Parfüm der Gewalt“ bis „Eine neue Anarchie“ – gegliedert sind. Stefan Blankertz verbindet erneut Lyrik und Politik für Toleranz und gegen Gewalt. Die punktualistisch anmutende, aber Pinkers allzu leichtfertige Argumentation entlarvende Kritik weckt stellenweise Assoziationen mit Henry Hazlitts detailliertem Nachweis der Fehlschlüsse von John Maynard Keynes in „Das Fiasko der Keynes’schen Wirtschaftslehre“. So kritisiert Blankertz treffend Pinkers irreführende Rhetorik einschließlich reißerischer Anekdoten und suggestiver Darstellungen, ferner unpassende Vergleiche und unzureichende Berechnungen sowie eine monokausale Perspektive. Die sogenannte Ur-Anarchie ist dem Anarchokapitalisten der ersten Stunde in Deutschland sympathisch. Im Ergebnis erscheint mir die neue Anarchie aber als leere Menge, als in der Theorie und Praxis jenseits von Axiomen – noch – weitgehend leeres Konstrukt. Das kommt auch im Begriff der Utopie zum Ausdruck, dem Nicht-Ort. Der Staat ist die institutionell erfolgreichste Antwort auf Verstöße gegen Freiwilligkeit und zugleich selbst all zu oft ein institutionalisierter Verstoß. Mit dieser Widersprüchlichkeit müssen wir weiter leben und Macht einhegen. Angesichts der beklagenswerten Unselbständigkeit vieler Menschen und vor allem der positiven, aber von Stefan Blankertz verschwiegenen Gründe für einen Staat, der deshalb massenhaft Zustimmung findet, hilft es nicht, das Kind mit dem Bade auszuschütten.


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