19. Oktober 2016

Heute in der Sesamstraße „Postfaktisch“

Der neueste Verkaufsschlager unter den Hirnwaschmitteln

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Bildquelle: shutterstock Durch den Konsum der Medienlandschaft akut gefährdet: Das Gehirn

Das Schlimmste an der immer dünner werdenden, ja eigentlich schon bulimischen Vergangenheit ist, dass die Magermodels vom qualitätsjournalistischen Laufsteg, oder besser: Steg zum Weglaufen einem keine andere Wahl lassen, als ihren forcierten Unsinn regelmäßig kommentieren zu müssen. Es geht nicht anders. Hatte ich eigentlich die Hoffnung, es genüge, die kleinen Quälgeister irgendwann einfach zu ignorieren, muss ich nun ernüchtert konstatieren: Ein Leck im Knierohr lässt sich nicht dadurch stopfen, den anschwellenden Gestank quasi überriechen zu wollen. Doch zunächst eine chemische Analyse der trüben, geruchsintensiven Brühe, die in nunmehr beinahe täglich ärgerlicher werdender Weise die Medienlandschaft in eine Massenlatrine zu verwandeln droht. Nicht, dass in dieser Hinsicht noch viel zu tun übrig wäre; doch langsam entwickelt sich das toxische Gemisch zur Brutstätte gefährlicher Hirnkrankheiten.

Einige der anderen im Volk der Alphaschreiber äußerst beliebten, ihr depravierendes Werk so gut wie noch nie verrichtenden psychoaktiven Substanzen hatte ich ja schon in mehreren Artikeln neutralisiert. Zum Beispiel die autokratische, polit- und medienaristokratisch standesgemäße Selbstverteidigungsphrase, die Welt werde „stets komplexer“. Ist natürlich Unsinn, da in dieser pauschalen Form nicht haltbar. Wird wirklich die ganze Welt auf allen Gebieten des menschlichen Denkens und Handelns pausenlos komplexer? Natürlich nicht. Es gibt beispielsweise – und vor allem – in der Machtpolitik einige geradezu infantil einfache Grundsätze und Wirkmechanismen, an denen sich in den letzten paar Tausend Jahren wirklich nichts geändert hat – nicht das geringste. Zum Beispiel Worthülsen wie eben erwähnte, die nur dem Zweck dient, den lieben Kleinen einzureden, ihre Umwelt sei so atemberaubend und überfordernd komplex, dass nur die verdienten Führer des Volkes und ihre borgmedialen Schreibdrohnen sie noch verstünden: Was wir wissen, was wir nicht wissen (dürfen, sollen). Also gib dir keine Mühe, du Knecht: Das verstehst du nicht. Dafür denkst du zu populistisch, was bedeutet, dass du ständig – es wortklappert die Gebetsmühle am Propagandabach – „einfache Lösungen für komplexe Probleme“ suchst. Doch keine Sorge, denn zum Glück steht dir ja unsere geballte Brainpower zur Seite. Was wir über Widerstand wissen: Er soll zwecklos sein.

So ist es auch kein Wunder, wenn angesichts wachsender Ablehnung dieses vermassungsmedialen Desinformationsdschihads, der es auf Dekapitation der Leser anlegt, so mancher Kampfgenosse schonmal die Fassung verliert und offen ausspricht, was er von den Dummerchen hält. So wie unlängst ein Journalist eines amerikanischen Mainstream-Senders (ich glaube, es war CNN; spielt aber keine Rolle, da sie eh alle dasselbe flöten), der tatsächlich sagte, Knechte sollten sich bezüglich der Wikileaks-Enthüllungen über Madame Clintons politkriminelles Treiben doch bitte an die offiziellen Interpretationen (lies: Sagen, Fabeln und Märchen) halten. Mit anderen Worten sollten sie also endlich das Selberdenken einstellen. Wir interpretieren das schon richtig für Sie.

Oder was den Syrienkrieg betrifft. Hier wurde in den letzten Wochen die gleichgeschaltete Parole bemüht: „Vor einem Jahr griff Russland in den Syrien-Konflikt ein.“ Hm. Die Feststellung an sich ist ja nicht falsch. Ja, vor einem Jahr griff Russland in den Syrien-Konflikt ein. Und weiter? Nun, seitdem, so der „deutsche“ Journatolismus, sei die Situation nur schlimmer geworden, die Lage habe sich dramatisch verschärft. Was wir noch darüber wissen sollen: Das kann also nur Russlands Schuld sein. Bitte gehen Sie weiter, mehr gibt es hier nicht zu sehen.

Ist und bleibt aber falsch. Denn die Vorgeschichte dieses unsäglichen, vermeintlichen „Bürger“-Krieges wird dabei ja kurzerhand abgeschnitten, also die gezielte Förderung moderater Mörder und anderer „oppositioneller“ (Granat-) Splittergruppen durch unleugbar Gute, die das Land sturmreif ballern sollten. Mit bekanntem, traurigem und, wie sich nun wenig überraschend, ja sogar ziemlich erwartbar zeigt, brandgefährlichem geopolitischem Gesamtergebnis. Wohl bekomm‘s.

Doch ist diese Methode keineswegs neu, denn schon George Orwell wusste in seinem Sachbuch „1984“: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit.“ Und im Augenblick geben sich die Geschichtskontrolleure alle Mühe, sogar schon die jüngste Vergangenheit in einem Ausmaß zu beschneiden, als ginge es um den Hauptgewinn in einem Bonsai-Wettbewerb. Machen sie in diesem Tempo weiter, reisen sie bald in der Zeit zurück. Das neueste urkomische Ergebnis im volkspädagogisch wertvollen Vokabeltraining? Trommelwirbel: „Postfaktisch“. Ironisch daran ist natürlich die faktenwidrige Suggestion, wir hätten bislang im faktischen Zeitalter gelebt. Soll heißen: Wir waren immer ehrlich und haben faktengerecht berichtet. Aber damit ist jetzt Schluss, denn jetzt gibt‘s Trump. Und der hat das „postfaktische“ Zeitalter eingeläutet. Es wird nicht allzu lange dauern, bis jeder gut programmierbare Depp den verzweifelt um Geschichtsklitterung bemühten Terminus in allen sozialen Schwätzwerken, in sämtlichen Internetforen und Kommentarspalten regurgitieren wird. Nehmen Sie Gift drauf. Ich seh‘s schon vor mir: „Habe mich gestern beim Einkaufen über einen zerquetschten Eierkarton beschwert. Sagt mir der Verkäufer, da könne man nichts machen, das sei nun postfaktisch.“

Die ersten skurrilen Blüten treiben bereits. Eine davon hielt Clemens Wergin, Postbote der „Welt“ für Washingtons Korrespondenz an Vasallen und Tributpflichtige, der schwindenden Leserschaft unter die Nase: „Trump treibt den Journalismus in einen Ausnahmezustand“, titelte er am 17. Oktober im vergeblichen Versuch, seiner verrohten und verrotteten Zunft etwas anzudichten, das sich nach ausgiebigem Konsum diverser Kräuter- und Obstschnäpse vielleicht, aber auch nur unter (extrem widrigen) Umständen mit restlicher Glaubwürdigkeit verwechseln ließe. „Immer mehr US-Journalisten schlagen zurück, geben ihre Neutralität auf – und riskieren so, Trump am Ende unfreiwillig zu helfen.“

Wergin ist eben ein begnadeter Komiker. Erstens muss man beileibe nicht erst seit Donald Trump „Neutralität“ im US-Medienzirkus ungefähr so erfolgreich suchen wie eine Jungfrau auf der Reeperbahn, zweitens habe ich den Kanal gerade mal wieder voll davon, auf solche Dummheiten reagieren zu müssen, denn unwidersprochen stehenlassen darf man solche dreisten Lügen ja nicht, drittens ist der Mainstream-Journalismus längst ein einziger Ausnahmezustand (lies: journalistisches Berufsethos wurde zur Ausnahme) und viertens werde ich diesen kleinen, maaslosen Hasskommentar meinerseits mit einer schon etwas älteren Erkenntnis beschließen, die deutlich macht, dass es sich keineswegs um ein zeitgenössisches Problem handelt. Sie stammt vom deutschen Schriftsteller Karl Leberecht Immermann (1796-1840): „Die deutsche Journalistik war und ist zum größten Theile noch ein wahrer Schandfleck unsrer Culturgeschichte. Man konnte die öffentlichen Urtheile in den Blättern nur eintheilen in absichtlich lügenhafte oder bornirte.“

Nein, einen hab‘ ich noch. Von Honoré de Balzac: „Der Journalismus ist eine Hölle, ein Abgrund, in dem alle Lügen, aller Verrat, alle Ungerechtigkeit lauert; niemand bleibt rein, der ihn durchschreitet.“

Und das dürfen wir auf jeden Fall über ihn wissen.


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