16. Oktober 2016

Filmkritik Action im Kopf

„Paterson“, ab 17. November 2016 im Kino

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Bildquelle: © Mary Cybulski Paterson (Adam Driver)

Paterson (Adam Driver) ist Busfahrer in der Kleinstadt gleichen Namens in New Jersey, wo er mit seiner Frau Laura (Golshifteh Farahani) und der Bulldogge Marvin (Nellie) lebt. Während Laura vor Kreativität sprüht, die Wohnung designt, Muffins backt und schließlich auch noch anfängt, Gitarre zu spielen, nutzt Paterson jede freie Minute, um Gedichte zu schreiben. Sein Vorbild ist der große amerikanische Lyriker William Carlos Williams, dessen bekanntestes Werk ein Gedichtzyklus über Paterson (die Stadt) ist.

Paterson ist ein typischer Jim-Jarmusch-Held: Er hört lieber zu als zu sprechen. Den ruhigen, lakonischen Stil des 63-jährigen Regisseurs und Drehbuchautors Jarmusch muss mögen, wer sich bei „Paterson“ nicht langweilen will. Explodierende Autos und Selbstmorde unglücklicher Liebhaber gibt es nicht nur nicht – ihr Fehlen wird ausdrücklich betont. Die Katastrophe des Films besteht darin, daß der Hund Marvin Patersons Notizbuch mit seinen Gedichten zerfetzt – worauf Paterson in der ihm wohl größtmöglichen Gefühlsaufwallung trocken versichert: „Ich mag dich nicht.“ Womit er dem Zuschauer freilich nichts neues mitteilt, denn dieser hat die Abneigung des Busfahrers gegenüber der Dogge schon zu Beginn des Films deutlich gespürt, ohne daß es irgendwelcher dramatischer „Erklärszenen“ bedurft hätte. Filme von Jarmusch sind eben zum großen Teil „Kopfkino“, sie verlangen ein mündiges Publikum, in dessen Gedanken und Phantasie die „Action“ stattfindet, ohne daß ihm etwas vorgekaut wird wie in so vielen anderen – selbst sehr guten – Streifen, bei denen man das ängstliche Bemühen der Macher spürt, bloß ja keinen Zuschauer „zurückzulassen“.

Wie alle Jarmusch-Filme ist auch dieser, der im Mai dieses Jahres seine Premiere in Cannes feierte, gewissermaßen „zweidimensional“: Linear erzählte, sich auf ähnliche (aber nicht gleiche) Weise wiederholende Handlungssequenzen (die Tagesabläufe einer Woche im Leben des dichtenden Busfahrers) erhalten wie durch Wurmlöcher Besuch aus anderen Jarmusch-Werken, etwa in Form des Zwillings-Motivs. Untypisch für einen Jarmusch-Film ist, daß „Paterson“ in Farbe gedreht wurde – dafür, und das ist dann wieder typisch, ist „Schwarz-Weiß“ ein immer wiederkehrendes Leitmotiv. Typisch auch das Gespräch am Ende zwischen Paterson und einem japanischen Touristen (Masatoshi Nagase) – derartige Dialoge gibt es einzig und allein bei Jarmusch.

Manch einer mag die Art des Autorenfilmers inzwischen für etwas gewollt halten. Der Rezensent, der seit drei Jahren keinen Jarmusch-Film mehr gesehen hat, hat sich gleich wieder „wie zu Hause“ gefühlt.

Paterson, USA 2016; 113 min.; Regie: Jim Jarmusch; Hauptdarsteller: Adam Driver, Golshifteh Farahani; FSK: t.b.a.; Kinostart Deutschland: 17. November 2016.


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Dossier: Filmisches

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Ulrich Wille

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