13. Oktober 2016

RezensionVolker Reinhardt: Luther der Ketzer

Rom und die Reformation

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Dem Schweizer Professor für die Geschichte der Neuzeit, Volker Reinhardt, gelingt mit diesem Werk der ganz große Wurf. Erstmals nennt ein Historiker die Gründe für die Reformation beim Namen. Der üblichen einseitigen Darstellung von Luther als dem theologischen Genius und dem babylonischen und verdorbenen Papsttum wird hier wenig Raum gegeben. Sehr kenntnisreich beschreibt der Autor, dass nicht die theologischen Thesen und Spitzfindigkeiten, die im Jahre 1517 für die meisten Menschen höchst sekundär waren, der Grund für die Reformation waren. Vielmehr sieht Reinhardt einen Konflikt der Kulturen zwischen dem Norden und dem Süden Europas. Die heutige geographische Aufteilung in protestantisch und katholisch ist zu augenscheinlich, um dem zu widersprechen. Anhand vieler übersetzter Zitate lässt er beide Seiten zu Wort kommen, ohne Partei zu ergreifen. „Des Teufels Sau“ kontra „Erzketzer“. Volker Reinhardt lässt uns teilhaben an der Eskalation eines Konflikts, der Europa bis heute prägt. Bei aller Wissenschaft, das Amüsement kommt keinesfalls zu kurz, nicht umsonst gilt Martin Luther als Mediengenie. Noch heute lassen einen die bunten sprachlichen Bilder, mit denen er seine Gegner beschimpfte, schmunzeln. An den Antworten der Kurie, so sie denn erfolgen, lässt sich das Dilemma der Päpste ablesen. Es ist, als würden sich Dieter Bohlen und Peter Sloterdijk zur Hauptsendezeit ein Wortgefecht liefern. Er zeigt, wie die gegenseitige Abneigung auf beiden Seiten der Alpen zu einer Identifikation mit dem Eigenen und Ablehnung des Fremden führt. Die Entstehung der Nationalstaaten deutet sich hier an. Besonders lesenswert ist der Epilog. Nicht zu Unrecht merkt der Autor an, dass die christlichen Kirchen, insbesondere die evangelische, sich im Kampf mit dem Zeitgeist immer mehr von den Positionen entfernen, für die sie damals erbittert gestritten haben. Prädestination ist eben schmerzhaft.


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