12. Oktober 2016

RezensionHannes Hofbauer: Feindbild Russland

Geschichte einer Dämonisierung

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Warum ist Russophobie auch ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Sowjetunion immer noch en vogue? Mögliche Erklärungen dafür bietet das in zweiter Auflage erschienene Buch „Feindbild Russland – Geschichte einer Dämonisierung“ des Wiener Publizisten Hannes Hofbauer. Der politisch der traditionellen sozialistischen Linken zuzuordnende Hofbauer weist nach, wie neben den Osmanen auch die Russen schon im 16. Jahrhundert als Feindbild präsentiert wurden und das „moskowitische Monster“ gerne dem Gefolge wie auch den Massen als Gottseibeiuns verkauft wurde. Während im 19. Jahrhundert das russische Zarenreich unter anderem in Deutschland zum positiven Bezugspunkt der antiliberalen Kräfte wurde, war es im Ersten Weltkrieg der Versuch, Russland „strategisch zu amputieren“, dem der expansionistische deutsche Nationalismus folgte, der im Osten nach Ausbreitung des Machtbereiches strebte und dabei früher oder später auch die Unterwerfung Russlands suchte, das zuvor nicht zuletzt unter deutscher Mithilfe in die Fänge des Bolschewismus geraten war. Später prägte lange Zeit der Kalte Krieg die Wahrnehmung der östlichen europäischen Großmacht, was oft den Blick auf Entwicklungen verdeckte, die im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion Platz greifen sollten. Hofbauer gräbt in seiner Analyse sehr tief und zeigt in sehr kenntnisreicher Weise historische Bezugspunkte und Querverbindungen auf. Er geht weit über die in den Medien präsenten tagespolitischen Ereignisse hinaus und lässt auch die zweifelhafte Rolle sogenannter NGOs und Protagonisten von „Farbenrevolutionen“ nicht unerwähnt, die in den ehemals sozialistischen Reformstaaten nicht selten auch unter Instrumentalisierung russophober Ressentiments Chaos und Hass geschürt hatten. „Feindbild Russland“ ist jedenfalls allen an den geschichtlichen Wurzeln derzeitiger Konflikte in Osteuropa Interessierten uneingeschränkt zu empfehlen.


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