10. Oktober 2016

Großeltern Du sollst deinen Kindern dienen

Die Alten brauchen die Jungen, und die Jungen brauchen die Alten

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Bildquelle: shutterstock Wunderbar: Die Großmutter

Von offizieller Seite her ist man sich einig, dass das traditionelle bürgerliche Familienmodell ausgedient hat. Als Ideal und anzustrebendes Ziel gelten die Modell-Varianten „egalitär-familienbezogen“ (beide Eltern arbeiten Teilzeit) und „egalitär-erwerbsbezogen“ (beide Eltern arbeiten Vollzeit). Das Äußerste, was man als Kompromiss auf dem Weg dahin zu akzeptieren bereit ist, ist das sogenannte „modernisierte bürgerliche Modell“, bei dem der Vater Vollzeit, die Mutter Teilzeit arbeitet. Leute, die hingegen festhalten am verpönt Gestrigen (Vater Vollzeit, Mutter Kindererziehung und Haushalt), werden degradiert zu meldepflichtigen Irren, zu Nazis oder – seit neuestem auch im Repertoire politischer Jovialitäten zur Bezeichnung widerspenstiger Bürger – zu Arschlöchern. Vergessen, ignoriert, verschwiegen oder alles auf einmal wird die Tatsache, dass diese sogenannt fortschrittlichen Lebens- und Familienentwürfe nicht realisierbar wären ohne die letzte intakte Stütze des bürgerlichen Familienmodells: die Großeltern.

Großeltern leisten in der Schweiz jährlich rund 100 Millionen Betreuungsstunden, was dem Arbeitspensum von 50.000 Vollzeitstellen entspricht. Das ist wunderbar und spätestens mit Kenntnisnahme solcher Zahlen sollte jedem auflage- oder um-umverteilungsmotivierten Jung-gegen-Alt-Hetzer der Wind aus den Segeln fahren. Tut es aber nicht. Warum?

Die immense Leistung der Großeltern – allen voran der Großmütter – wird oft weder gewürdigt, noch gedankt, geschweige denn bezahlt – sie wird als selbstverständlich vorausgesetzt, gefordert und notfalls erpresst. Gerade junge Mütter und Väter, die gleichberechtigter leben wollen als ihre Eltern einst, erwarten von diesen, dass sie sich zum Zweck der eigenen Befreiung und Verwirklichung klaglos in jenes Rollenbild fügen, das sie selbst zu bekämpfen vorgeben oder bereits auf Kosten anderer überwunden haben.

Zwei Beispiele: Eine Großmutter, 55, ist voll berufstätig und kümmert sich außerdem um ihre betagte Mutter. Viel ihrer zur Verfügung stehenden Freizeit sowie sämtliche Ferienwochen widmet sie nebst Ehemann, Haus und Garten den Enkeltöchtern. Sie empfindet die Zeit mit den Kindern als Bereicherung. Trotzdem meldet sie nach neun Jahren das Bedürfnis an, eine Ferienwoche für sich zu haben. Seither liefern Sohn und Schwiegertochter die Kinder wohl noch ab, verweigern jedoch jegliche Kommunikation. Ein anderes Ehepaar, beide in den Sechzigern, nimmt zwei- bis dreimal wöchentlich die zweistündige Fahrt zu „den Kindern“ auf sich. Diese sind beide voll berufstätig, ihre Kinder größtenteils in professioneller Obhut. Die organistorische Lücke im Mikromanagement füllen die Großeltern. Da das doppelte Einkommen zwar ein Haus mit Garten ermöglicht, jedoch keine Zeit für Haushalt und Gartenarbeit bleibt, wird auch hier auf die Alten zurückgegriffen. Als diese Ermüdungserscheinungen zeigen, wird ihnen beschieden, dass sie in diesem Fall, sollten sie einmal pflegebedürftig werden, nicht auf die Hilfe der Jungen zählen sollten.

Natürlich sind beides negative Extrembeispiele. Sie zeigen jedoch in überzeichneter Weise ein Verhaltensmuster auf, das in mehr oder minder abgeschwächter Form oft zu finden ist. Tatsache ist: Ein Großteil der mittleren Generation verlässt sich organisatorisch und finanziell auf die Alten. Ob und in welcher Form dies erwünscht ist und gelebt wird, ist Sache einer jeden Familie. Was stört und befremdet, ist, dass solches Entscheiden, Diskutieren und Lösungs-Finden oft gar nicht stattfindet. Fordern ersetzt Bitten. In hilflos-arroganter Weise werden den Eltern nach 40 Jahren des In-der-Verantwortung-Stehens eigene Bedürfnisse, Interessen und Pläne stillschweigend abgesprochen und es wird vorausgesetzt, ihr einziges Wollen gelte den Jungen und deren Vorankommen. Ein Nein stößt vor den Kopf, der Hinweis auf ein eigenes Leben wird als Querulantentum wahrgenommen. Wer keine Probleme will funktioniert klaglos, wunschlos und natürlich kostenlos.

Als Begründung und Feel-good-Argument wird oft der Kollektivismus der Kinderaufzucht, wie ihn unsere Vorfahren in Familien- und Dorfgemeinschaften praktizierten, hervorgezerrt. Das Argument hinkt insofern, als dass die gemeinschaftliche Brutpflege auch gemeinschaftliche Erziehung bedeutete. Jener, der die Kinder betreute, legte auch die Regeln fest. Bei der Nachbarin die Nachbarin, bei der Großmutter die Großmutter. Solches ist heute nicht mehr erwünscht, wer nebst eigener Leistung eine eigene Meinung mitbringt, macht sich der Ketzerei schuldig. Oder anders gesagt: In Sachen Erziehungskompetenz würde man den Alten nicht mal einen gebrauchten Busfahrschein anvertrauen. Großmütter haben als gütige, liebevolle und meinungslose Wesen zu dienen und dankbar zu sein für die Gnade der teilhabenden Dauerverpflichtung im Hütedienst, im Haushalt und im Garten. Optimalerweise unsichtbar oder wenigstens auf Socken und Zehenspitzen.

Mit dem Überbordwerfen letzter familiärer Hierarchien und der Aufzucht einer Teilgeneration infantiler, egoistischer, desinteressierter und empathieloser Dauerschmarotzer durch Eltern und professionelle Betreuer, die sich als Diener und Projektmanager dressierter und ansonsten geschonter Kinder verstehen, verschärft sich das Problem noch. Großeltern, die sich weigern, fraglos zu fixen Arbeitszeiten und selbstverständlich in Dauerbereitschaft in die Überbehütungs-Maschinerie einzusteigen, werden als Affront empfunden. Selbstbestimmung findet vordergründig zwar jeder gut. Die Alten sollten sich allerdings nicht erdreisten, solches für sich in Anspruch zu nehmen. Was das für die aktuelle Elterngeneration im Alter und die Generation der Kindeskinder bedeutet, kann sich jeder selber ausmalen.

Sie möchte die letzten statistisch wahrscheinlichen 15 Jahre ihres Lebens so verbringen, wie Sohn und Schwiegertochter es heute für sich in Anspruch nehmen, verkündete eine aufmüpfige Oma. „Böses Blut“ war das Resultat. Funkstille. Enkelentzug. Irgendwann ein erstes Gespräch. Eine Diskussion über die Zusammenarbeit der Generationen, über Regeln, Distanz, Werte und über die Freiheit. Es wirkte. Heute funktioniert es. „Danke“ und „Bitte“ sind wichtiger Bestandteil dieses „Neuen“. Auch für die Kinder.

Großeltern sind etwas Wunderbares. Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen während der ersten Dekaden des Lebens ist unbezahlbar. Aufgrund unseres Wohlstands und des medizinischen Fortschritts können Generationen heute voneinander lernen und profitieren wie nie zuvor. Solches zu reduzieren auf eine nach Belieben und Bedürfnis buchbare Dienstleistung oder es gar umzudeuten zum Zweck politischen Gegeneinanders ist nicht nur anstandslos, sondern dumm. Die Alten brauchen die Jungen, das stimmt. Wahr ist aber auch, dass die Jungen die Alten brauchen. Dieses Einander-Brauchen nennt sich Familie. Zeit, unsere Eltern zu ehren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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