03. Oktober 2016

Umfrage des John-Stuart-Mill-Instituts Die Wertschätzung der Freiheit

Der Zeitgeist ist tendenziell grün und gesundheitsbewusst

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Bildquelle: shutterstock Prägend für den westlichen Lebensstil: Freiheit

Wer Freiheit hat oder glaubt, genug Freiheit zu haben, erfreut sich ihrer, als sei sie selbstverständlich. Ihm geht leicht das Bewusstsein dafür verloren, dass Freiheit ständig bedroht ist und stets aufs Neue verteidigt sein will. Denn selbstverständlich ist Freiheit nie: In zu vielen Ländern herrscht wenig Freiheit oder wird Freiheit unterdrückt. Was ist Menschen die Freiheit wert? Sollen sie darüber befinden, äußern sie hierzu ihre subjektive Empfindung, und die kann unterschiedlich ausfallen. Objektive Merkmale für das, was Freiheit ist, fallen dabei unter den Tisch. Für Menschen ohne oder mit nur wenig (subjektiver und objektiver) Freiheit hat sie einen hohen Wert, weil sie die gewünschte Freiheit schmerzlich vermissen. Menschen, die mehr oder ganz viel davon haben, sind sich dieses Komforts häufig nicht bewusst und müssen erst mit der Nase darauf gestoßen werden. Über die Wertschätzung der Freiheit in Deutschland informiert alljährlich das John-Stuart-Mill-Institut für Freiheitsforschung in Heidelberg. Aus seinen Erhebungen ermittelt es einen Freiheitsindex. Anhand dessen lässt sich zeigen, ob und wie sich die Wertschätzung verändert hat. Den jüngsten Indexwert hat das Mill-Institut am 27. September in Berlin vorgestellt. Was ist das Ergebnis?

Mehr Sehnsucht nach Gleichheit, mehr Verlangen nach Verboten

Gemessen an diesem „Freiheitsindex 2016“ hat die Wertschätzung der Freiheit im Vergleich zu den Vorjahren insgesamt zugenommen. Die analysierte Medienberichterstattung ist freiheitsgeneigter als im Vorjahr. Die Bevölkerung bekundet ein hohes subjektives Freiheitsgefühl. Doch im Vergleich zu den Vorjahren geben abermals mehr Befragte an, dass man im Rahmen öffentlicher Gespräche vorsichtig sein muss, seine Meinung frei zu äußern. Auch macht das Institut Einschränkungen wie diese deutlich: Die gesellschaftliche Wertschätzung der Freiheit bewege sich zwar noch im Rahmen der Vorjahre, aber auf der unteren Bandbreite. Demgegenüber nehme die Sehnsucht nach Gleichheit deutlich zu. Auch die Forderung nach Verboten nehme wieder leicht zu. Das subjektive Freiheitsgefühl hingegen sei stärker geworden als im Jahr davor.

Der Freiheitsindex erstmals im positiven Bereich

Wie Ulrike Ackermann, die Gründerin und Leiterin des Mill-Instituts, erläutert, bildet der Index den Zustand der politischen und individuellen Freiheit in einer Zahl ab, und zwar auf einer Skala zwischen minus 50 (keine Freiheit) und plus 50 (maximale Freiheit). Relevant für die Messung der Freiheit sei dabei der Faktor Zeit, nämlich wie sich der vom Institut ermittelte Indikator im Verlauf der Jahre auf der Skala nach oben oder nach unten verschiebt. Für dieses Jahr sei im Vergleich zum Vorjahr eine aufsteigende Entwicklung zu verzeichnen: 2015 habe der Index minus 1 betragen und sei jetzt auf plus 0,33 gestiegen. Inzwischen zeige sich, „dass wir mit dem Index ein solides Instrument entwickelt haben, das uns eine längerfristige Qualität in den jährlich zu vergleichenden Ergebnissen liefert“.

Kluft zwischen Ansichten von Medien und Bevölkerung über den Freiheitswert verringert

Interessant sei, dass sich die Kluft zwischen den Ansichten der Medien über den Wert der Freiheit und den Ansichten in der Bevölkerung nicht vergrößert habe. Stattdessen kehre sich das Verhältnis um. Zum ersten Mal seit Beginn der Messungen im Jahr 2011 sei der „Freiheitsindex Deutschland“ ganz leicht über Null gestiegen. Das sei allein auf die Veränderung in der Berichterstattung zurückzuführen, die die gegenläufigen Tendenzen bei der Bevölkerung mehr als ausgleiche. Noch immer zwar spiele die Perspektive der Freiheit bei der Bevölkerung eine größere Rolle als in der Berichterstattung, doch der Unterschied sei so gering geworden, dass zum ersten Mal die noch immer eher positive Haltung der Bevölkerung gegenüber der eher negativen der Leitmedien den Ausschlag gebe. Die noch vor zwei Jahren diagnostizierte Tendenz des Auseinanderdriftens der Medien- und der Bevölkerungsperspektive in Bezug auf den Wert der Freiheit hat sich nicht nur nicht weiter fortgesetzt, sondern ins Gegenteil verkehrt. Damit könne man sagen, dass im Jahr 2016 zum ersten Mal in der – zugegebenermaßen noch kurzen – Geschichte des „Freiheitsindexes Deutschland“ die Freiheit ein leichtes Übergewicht gegenüber den anderen und mit ihr konkurrierenden gesellschaftlichen Zielen und Werten habe.

Freiheit in Konkurrenz mit Gleichheit, Sicherheit, Gerechtigkeit

Den Freiheitsindex ermittelt hat das Mill-Institut jetzt zum sechsten Mal. Die Grundlage ist eine repräsentative Befragung der Bevölkerung und eine quantitative Medieninhaltsanalyse überregionaler Printmedien in Zusammenarbeit mit dem Institut für Demoskopie Allensbach und der Dortmunder Medienagentur mct. Bestandteile des Indexes sind nach Angaben des Instituts einerseits eine bevölkerungsrepräsentative Befragung von 1.437 Personen, andererseits eine umfangreiche Auswertung von 1.773 Zeitungsartikeln. Gefragt wird wie alljährlich nach der gesellschaftlichen Wertschätzung der Freiheit im Wettbewerb mit anderen Werten, wie zum Beispiel Gleichheit, Sicherheit oder Gerechtigkeit. Ein weiterer Brennpunkt der Umfrage ist das subjektive Freiheitsempfinden der bundesrepublikanischen Bevölkerung. Die quantitative Inhaltsanalyse untersucht den Stellenwert der Freiheit in der Medienberichterstattung: zum einen, wie freiheitliche Prinzipien in der Berichterstattung beurteilt werden, zum anderen, wie häufig Verbote oder Liberalisierungen gefordert werden.

Überaus beunruhigend: der Trend gegen die freie politische Meinungsäußerung

Weiter hat das Institut dies festgestellt: „In Bezug auf die freie Meinungsäußerung herrscht eine noch angespanntere gesellschaftliche Atmosphäre als im letzten Jahr. Der Anteil derjenigen, die sagen, man könne seine politische Meinung frei äußern, ist auf dem niedrigsten Stand seit 1990. Dieser sich seit Jahren fortsetzende Negativtrend ist überaus beunruhigend.“ Die Medieninhaltsanalyse zeigte, dass im „Verbotsframe“ wie in den Vorjahren weiterhin die Perspektive des Verbots gegenüber jener der Selbstbestimmung dominiere. Die untersuchten Medien sähen für den westlichen Lebensstil eine mittlere Gefahrenlage.

Der westliche Lebensstil und die Bedrohungslage gegen ihn

Schwerpunkt der Untersuchung ist diesmal das Thema „Westlicher Lebensstil“, also gleichsam eine Fortsetzung des vorjährigen Schwerpunkts „Westliche Werte“, weil der westliche Lebensstil auf diesen Werten beruht. Den Anlass erläutert Ulrike Ackermann so: „Islamistische Terroristen führen auch in diesem Jahr den Krieg gegen den Westen, seine Werte und Lebensstile weiter fort. Inzwischen ist der islamistische Terror auch in Deutschland angekommen, das lange Zeit hoffte, verschont zu bleiben. Ob die Islamisten in Gestalt von Einzeltätern oder als beauftragte Gruppe des IS agieren, sollte uns nicht dazu verleiten, diese Angriffe zu verharmlosen. Auch die Pathologisierung der Täter ist ein Versuch, den Schrecken zu bannen. Die Bedrohungslage existiert schon viel länger, auch wenn sie aus Angst oder in wohlmeinend-pädagogisierender Weise kleingeredet wurde, um die Bevölkerung zu besänftigen.“ Die westlichen Lebensstile seien von unterschiedlichen Seiten unter Druck geraten: Neben den attackierenden Islamisten führe auch Russland einen Propagandafeldzug gegen westliche Liberalität und Dekadenz, besonders gegen Homosexualität. Zudem bedienten in ganz Europa rechts- und linkspopulistische Bewegungen und Parteien antiwestliche Ressentiments, die diesen Lebensstil in Frage stellten.

Was das Besondere dieses Lebensstils ist

Rhetorisch fragt Ulrike Ackermann: „Was ist das Besondere dieses Lebensstils? Gerahmt ist er von Demokratie, Rechtsstaat, Gewaltenteilung und sozialer Marktwirtschaft. Neben der Achtung der Menschenrechte, der Trennung von Staat und Kirche beziehungsweise Gesellschaft und Religion zählen die Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit, Schutz von Minderheiten und Wertschätzung des Individuums und seine individuellen Freiheiten gegenüber dem Kollektiv zu diesem Wertekanon. Daraus ergibt sich für den westlichen Lebensstil: freiwillige Bindungen, die nicht auf Zwang beruhen, Gleichberechtigung der Geschlechter, sexuelle Selbstbestimmung, Vielfalt der Lebensstile, Wahlfreiheit, Toleranz, Skepsis gegenüber alten Gewissheiten und das Recht auf Irrtum. Dazu gehören in jedem Fall die diesseitige Lebenslust im Unterschied zu religiöser Jenseitigkeit, Tanzen, Singen, Lachen und Trinken im öffentlichen Raum, kurzum der Hedonismus und die individuelle Suche nach dem Glück. Darf oder soll man gar nach einer massenmörderischen Attacke auf die diesseitige Lebenslust unbeirrt weiter tanzen, lachen und trinken – als offensive Verteidigung unseres westlichen Lebensstils?“

Die Kernelemente des westlichen Lebensstils

Deshalb wollte das Institut mit seinen Kooperationspartnern (neben dem festen Fragenkatalog des Freiheitsindexes) unter anderem wissen: „Hat die Bevölkerung ein Bewusstsein vom westlichen Lebensstil? Was macht diesen Lebensstil aus? Gibt es ein Bedrohungsbewusstsein? Ist die Gesellschaft bereit, den westlichen Lebensstil zu verteidigen?“ Die Befragung dazu habe sehr interessante Ergebnisse erbracht: „64 Prozent der Befragten gehen von einem besonderen ‚westlichen Lebensstil‘ aus. Demokratie, Rechtsstaat und Freiheitsrechte zählen ebenso wie schon bei der Erhebung zu den westlichen Werten im letzten Jahr zu den Kernelementen. An erster Stelle steht in diesem Jahr bei der Charakterisierung des westlichen Lebensstils die ‚Gleichberechtigung der Geschlechter‘, gefolgt von der ‚Meinungs-, Presse- und Redefreiheit‘, den ‚Freiheitsrechten allgemein und der Freiheit der individuellen Lebensgestaltung‘. Das heißt, neben der Gleichberechtigung wird die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Lebensentwürfe ausdrücklich als Kennzeichen des westlichen Lebensstils gewürdigt.“

Das Leben als Aufgabe oder als Genuss?

Über das Ausmaß der Gefährdung dieses Lebensstils sei sich die Bevölkerung unsicher. Genannt würden vor allem die Zuwanderung, der Islam und Terroranschläge, „allesamt Bedrohungen, die von außen kommen“. Im Langzeittrend sei in diesem Zusammenhang eine Rückkehr zu klassischen bürgerlichen Tugenden zu beobachten. Als Erziehungsziele würden an erster Stelle Höflichkeit und gutes Benehmen genannt, danach Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Hilfsbereitschaft. 40 Prozent der Befragten betrachteten das Leben in erster Linie als eine Aufgabe; fast gleich viele, nämlich 39 Prozent, wollten das Leben vor allem genießen. Das heiße: „Hedonismus und Selbstverpflichtung halten sich als Lebensvorstellung fast die Waage.“ Ackermanns Feststellung allerdings, beides stehe zueinander nicht in Widerspruch, ist in diesem Zusammenhang nicht so recht nachvollziehbar. Denn die diesbezügliche Frage lautete: „Leben als Aufgabe oder als Genuss?“ Sie lautete nicht: „Leben als Aufgabe und als Genuss“.

Der mögliche Einfluss der Terroranschläge auf die Sicht der Befragten

Ferner gehört zu den Ergebnissen der Untersuchung dies: „Der westliche Lebensstil zeichnet sich aus Sicht der Befragten gerade nicht dadurch aus, dass er eine bestimmte, konkrete Art zu leben bedeutet, sondern dass er ganz verschiedene Lebensentwürfe gleichberechtigt akzeptiert. Die in vielen Medien und der intellektuellen Diskussion verbreitete Vorstellung vom westlichen Lebensstil als eine auf rücksichtslosem Konsum, Verschwendung von Ressourcen und der Ausbeutung der Dritten Welt beruhende Art der Lebensgestaltung tritt demgegenüber ganz in den Hintergrund. Es liegt nahe, anzunehmen, dass die Terroranschläge in jüngster Zeit zu diesem Ergebnis beigetragen haben, denn in der öffentlichen Diskussion um die Attentate wurde ja nicht selten betont, dass diese dem westlichen Lebensstil gegolten hätten und dass es gelte, diesen zu verteidigen.“

Erhebliche Ressentiments bei den Befragten gegenüber dem westlichen Lebensstil

Und weiter: „Dennoch ist es auffällig, dass das Stichwort vom ‚westlichen Lebensstil‘ so wenig negative Assoziationen auslöst, denn die Umfragen zum ‚Freiheitsindex Deutschland‘ haben in den vergangenen Jahren wiederholt gezeigt, dass es in der Bevölkerung durchaus erhebliche Ressentiments gegenüber einer – gemeinhin mit dem westlichen Lebensstil in Verbindung gebrachten – freien Wirtschaftsordnung gibt. Spricht man diesen Aspekt im Interview ausdrücklich an, erhält man auch durchaus eine gewisse Resonanz. So stimmt immerhin jeder dritte Befragte der Aussage zu, die westlichen Länder hätten die Dritte Welt lange ausgebeutet, so dass sie jetzt etwas von ihrem Reichtum an diese Länder zurückgeben müssten. Und auch der vom Papst geprägte Satz: ‚Wir müssen heute nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung und der Ungleichheit der Einkommen sagen, diese Wirtschaft tötet‘ findet bei einem erheblichen Teil der Deutschen Zuspruch – besonders stark übrigens bei Konfessionslosen.“

Der Zeitgeist steht auf Umweltschutz, erst danach auf Freiheit

Ferner stellt das Mill-Institut dies heraus: Um den Zeitgeist zu erspüren, eigne sich besonders gut das Fragenmodell, was gegenwärtig „in“ sei und was „out“ sei. Dieses Modell wende das Allensbacher Institut seit den 1980er Jahren an. In diesem Zeitgeist-Panorama der In-Liste stünden gegenwärtig auf dem ersten Platz Bio-Produkte, danach Fitness, Sport treiben und gesunde Ernährung. Erst dann folgten „das Leben genießen“ und die Karriere. Die Freiheit komme in dieser Rangfolge erst nach dem Umweltschutz. Doch messe dieses Fragenmodell ausdrücklich nicht die eigene Meinung oder das Verhalten der Befragten, sondern das gesellschaftliche Meinungsklima. Denn empirisch liege der reale Anteil der Bioprodukte am gesamten Lebensmittelumsatz bei nur vier Prozent. In der In-Liste würden aber auch „das Leben genießen“ oder Flirten und gutes Benehmen genannt. „Out“ seien inzwischen offensichtlich traditionelle Familienmodelle: Für 71 Prozent der Befragten sei die Hausfrauenrolle passé. Auch „religiös, gläubig sein“ und „in der Kirche beten“ sind für 53 Prozent der Bevölkerung „out“.

Kurzum: „Der Zeitgeist ist tendenziell grün und gesundheitsbewusst, geprägt von der Wertschätzung bürgerlicher Tugenden und der Ablehnung der Rollen der alten Geschlechterordnung und traditioneller Familienmodelle. Genuss und Hedonismus vertragen sich damit, solange der ökologisch gesteckte Rahmen eingehalten wird.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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