23. September 2016

Frauen und Freiheit Mesdames, es reicht! (Teil 2)

Wir brauchen einander

Artikelbild
Bildquelle: a katz / Shutterstock.com Trunken vor innerer Aufmüpfigkeit: Neo-Feministin

Wir haben Gleichberechtigung, Gleichstellung und Chancengleichheit. Für die meisten Frauen ist dies heute zum Glück eine unverhandelbare Selbstverständlichkeit, und sie verhalten sich auch so. Teamplayerinnen, Karrieristinnen, Einzelkämpferinnen, Mütter, Models und Matronen treffen täglich und ohne Lärm und Tam-Tam in reifer und mündiger Art im Leben und in der Gesellschaft ihre Entscheidungen, wägen Risiken ab, nehmen Chancen wahr und kalkulieren die Option des Scheiterns ebenso mit ein wie jene des Erfolgs. Kurz: Sie leben frei, selbstbestimmt und selbstverantwortlich. Sie sind – auf welcher Stufe und Position auch immer – klar in ihren Statements, konsequent in ihren Anliegen, gezielt in der Umsetzung, professionell, wo dies gefragt ist, und trotzdem oder gerade deshalb beliebt.

Und dennoch schält sich neben den Restbeständen lendenlahmer Altfeministinnen aus dem Kollektiv des befreiten Weiblichen gerade eine neue Minderheit heraus. Frauen, die – wiewohl so frei wie nie zuvor und in jeder Beziehung optimal ausgerüstet – das Opferlabel als Rückversicherung und Rettungsboje auf ihren Namen reserviert und zur Seite gelegt haben wollen. Oder anders gesagt: Frauen, die zwar die Schaufenster umdekoriert haben, den Laden aber mitnichten zu verkaufen gedenken. Was sie indes – genau wie ihre in Sattheit abgehärmten Schwestern im Geist – damit heute noch erreichen, ist einzig dies: Sie schaden all jenen Frauen, die begriffen haben, was Freiheit bedeutet, bringt und kostet.

Die Rede ist von Neo-Feministinnen in eigener Sache, denen, trunken vor innerer Aufmüpfigkeit, der Idee der individuellen Freiheit und des Alles-geht, doch das letzte Quentchen Mut fehlt, das echte Freiheit fordert, und die sicherheitshalber die altbewährten Devotionalien des obsoleten Opferkults in Griffnähe behalten.

In die weichgezeichnete Teil-Berechtigung, die privilegierte Nichtbeachtung zurück will man nicht. Natürlich nicht. Das ist auch gut so. Jeder und jede soll sich selber, sein Wort, Werk und Wirken zu Markte tragen können. Da draußen in der Freiheit ist die Luft schneidend klar, das Licht hell, die Konturen sind scharf, die Farben leuchten. Sonnenbrillen und Schutzfaktoren gibt es nicht. Hier wird nicht mehr aus der Ferne angebetet – hier wird analysiert. Wer Erfolg will, muss Konkurrenz und Konfrontation aushalten, Kontinuität liefern. Ein Event reicht nicht, egal wie schön es ist. Der Bote, der nicht mehr als sich selbst zur Botschaft hat, zieht nur einmal, und dann hat man ihn gesehen. An dieser Stelle „Frauenfeindlichkeit!“ zu heulen, weil man in der Sache versagt, „Sexismus!“ zu jaulen, weil nicht jedem gefällt, was man tut, oder schlicht aus Vermarktungszwecken, „Diskriminierung!“ herdelirieren, weil man sich langweilt oder weil die Welt einen nicht wie eine Horde glückstrahlender Riesenpandas im Dauermodus beklatscht – so läuft die Sache mit der Freiheit und mit den Rechten nicht. Dabei nebenher auch noch in larmoyanter Arroganz jene Geschlechtsgenossinnen als „rechts“ und/oder „grenzdebil“ zu verunglimpfen, die hervorragend ausgebildet, intelligent und verantwortlich entscheidend genau das begriffen haben, die verstehen, dass Berufungen nicht nach dem Lustprinzip auf die Lebensschnur aufgezogen werden können, sondern kontinuierlich ganzen Einsatz fordern, die sich also entscheiden, dass Familie für sie nicht bloß ein flankierendes Selbstoptimierungs-Projekt, sondern lebenslange Aufgabe ist, zeugt von einer emotionalen und intellektuellen Kurzatmigkeit, die ihresgleichen sucht. Dass man damit auch jene Generationen von Frauen doppelt und dreifach entrechtet und „entachtet“, von deren materiellem und ideellem Erbe wir alle nach wie vor zehren, haut dem Ganzen den Boden raus. Gebildete, erwachsene Frauen, die bei aller Freiheit, allem Wohlstand, allen Möglichkeiten so denken, sind ein Rätsel. Oder anders ausgedrückt: eine Zumutung.

Freiheit ist nicht gleichbedeutend mit Harmonie. Freiheit ist immerwährender Kampf gegen alles, was einen bremsen, resignieren lassen, entmutigen und entmündigen will – auch und gerade gegen sich selbst. Disziplin, Routine, Stehvermögen im nur scheinbar Immergleichen – Tag für Tag, Jahr für Jahr. Das ist zur Freiheit hin wachsende Größe. Keiner kann einem diesen Kampf abnehmen, kein anderer ist schuld, weil man unterliegt. Aber: Scheitern, Fallen oder Stürzen sind keine Schande. Sie werden es erst, wenn man liegenbleibt und rumnölend schwadroniert von „der Gesellschaft“, „den Männern“, „den Rahmenbedingungen“ oder schlicht der „Blödheit der anderen“. Außerdem: Ein „Recht auf alles“ gibt es nicht. Moralischen Anspruch darauf zu erheben ist nichts anderes, als der Versuch persönlicher Freizeitoptimierung auf Kosten Dritter. Das hat nichts mit Freiheit zu tun, sondern ist blanker Egoismus. Hier eine Art biologischen Gnadenstand auszurufen, der alles rechtfertigt, zeugt davon, dass der einzig vorhandene Glaube – jener an sich selber – ähnlich abgehoben ist wie der politische und mediale Mainstream. Voll im Trend.

Nun – warum sich befassen mit einem Phänomen, das nur eine Minderheit betrifft? Das Problem ist: Wir haben keine Zeit mehr für Scheingefechte und amoklaufende Egoismen. Wir – Frauen und Männer – werden unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit gerade in einen Zustand der Entrechtung zurückgestoßen, wogegen die Unfreiheit der Frauen von früher geradezu wie ein laues Lüftchen anmutet. Verfassungen werden umgangen oder mittels dessen, was wir Justiz nennen, ausgehebelt. Der kollektive Kopf unserer Regierungen steckt bis zum Schulteransatz im Ami-Arsch. Entsprechend sind Visionen und Aussichten. Ansonsten hüllt man sich gerne in die Fahne goldener Sterne auf blauem Grund, verschleudert unser Geld und jenes künftiger Generationen, beschäftigt ein Heer von Denunzianten, verteidigt unsere Freiheit neuerdings auf der Krim, während unsere Armeen für den Einsatz im Inland ausbildet und ausgerüstet werden oder längst sind, und streitet ansonsten alles ab. Unser Finanzsystem taugt nicht mal mehr, um in der Pfeife geraucht zu werden, und unsere Wirtschaft, die aller anderslautenden Propaganda zum Trotz dank Interventionen, Regulierungen, fiskalischen Raubzügen und Sanktionen auf dem Zahnfleisch geht, wird die Millionen neueintreffenden Fordernden irgendwann nicht mehr alimentieren und unterhalten können. Von den Segnungen der geschenkten Buntheiten ganz zu schweigen.

Wir brauchen einander. Wir – Männer und Frauen – brauchen einander mehr denn je. Jeder frei Denkende und Handelnde, jeder früh- oder spätberufene Radikale in Sachen Freiheit ist so nötig wie selten zuvor. Es ist an der Zeit, uns selber mitsamt unserem Leben nicht mehr ganz so persönlich zu nehmen. Die Zeiten glanzvoller Isolation im Ego-Paradies sind vorbei. Lassen wir uns in gegenseitigem Respekt und mit Achtung vor dem Einsatz des anderen mindestens in Ruhe leben und wirken. Besser noch: Fördern wir einander mit Tat und mit Wort. Gehen wir zusammen in die Wand, anstatt medial angespitzt künstliche Grabenkämpfe zu führen. Finden wir im direkten Kontakt, im Gespräch, im gemeinsamen Schaffen heraus, wer am Seil wie viel taugt. Gründen wir Vertrauen auf Wissen und nicht auf Hörensagen oder öffentliche Mantras. Verteilen wir die Lasten den Kräften und Stärken des einzelnen entsprechend – egal, ob Mann oder Frau. Nur so haben wir eine Chance, als nationale, regionale oder familiäre Einheiten dem Sturm zu trotzen, der obrigkeitlich gelenkt auf uns losgelassen wird.

Auf die Zukunft. Sie wird hart.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Feminismus

Mehr von Frank Jordan

Über Frank Jordan

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige