13. September 2016

RezensionCarroll Quigley: Tragödie und Hoffnung

Eine Geschichte der Welt in unserer Zeit

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Es ist keine Übertreibung, wenn der Verlag Carroll Quigleys Weltgeschichte, die jetzt erstmals komplett in einer deutschen Übersetzung vorliegt, als „einzigartiges Werk“ bewirbt. Die Stärke dieses Historikers, der an führenden amerikanischen Universitäten gelehrt hat, besteht darin, dass er Krieg und Frieden, Diplomatie und Militär, Wirtschaft und Finanzen, Politik und Psychologie in ein großes Bild einarbeitet, das nie vordergründig bleibt, das Machtstrukturen, Hintergründe und Motive der Akteure beleuchtet und einordnet. In 20 Teilen und 77 Kapiteln wird der Aufstieg der westlichen Zivilisation bis zum Jahr 1914 geschildert, dann das Verhängnis des Ersten Weltkrieges, das Versailler System, Krise und Depression der Zwischenkriegszeit und der Weg in den Zweiten Weltkrieg sowie in großer Breite dessen wechselvoller Verlauf. Schließlich wird erzählt, wie es zum Kalten Krieg kam, wie sich Asien nach 1945 entwickelte, wie die Epoche des Kolonialismus auslief und wie sich schon in den frühen 60er Jahren in den beiden Machtblöcken erste Auflösungserscheinungen zeigten – letzteres eine hellsichtige Diagnose des Verfassers. Übrigens ist der Autor kein Freund Deutschlands, wie Kapitel 26 erkennen lässt, das voll ist von platten Klischees und auch noch Karl den Großen zum Vorläufer Adolf Hitlers erklärt. Das Buch, an dem Quigley 20 Jahre lang gearbeitet hat, endet 1964 und hinterlässt den Wunsch nach einem Nachfolgeband, der die Geschichte bis in unser Jahrtausend fortführt. Wer aber könnte ihn schreiben? Carroll Quigley, in dessen Vorlesungen an der Georgetown University in Washington, D.C. auch ein gewisser Bill Clinton saß, war Teil der angelsächsischen Eliten. Das kam seinem anderen Klassiker „The Anglo-American Establishment“ zugute, der ebenfalls bei Kopp erschienen ist. Was die Leser dort finden, ist haarsträubend und lässt die üblichen Verschwörungstheorien blass und langweilig aussehen.


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