13. September 2016

RezensionÇiğdem Akyol: Erdoğan

Die Biographie

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Es gibt in der Erdoğan-Kritik Abstufungen zwischen einer, die von vornherein mit Ahnungslosigkeit einhergeht und von bloßem Ressentiment lebt, und einer, die zumindest in Grundzügen verrät, dass man die komplexe und vielschichtige Geschichte der Türkei kennt und dadurch auch einer anderen als der eurozentrischen des Mainstreams zu folgen vermag. Çiğdem Akyol bemüht sich zumindest ansatzweise darum, letztere zu praktizieren. Was ihrer Abhandlung in jedem Fall hoch anzurechnen ist, ist die Tatsache, dass sie gängige westliche Mythen wie jene vom „säkularen Paradies“ Atatürks und der Kemalisten ebenso haarklein dekonstruiert wie jenes vom „Islamisten“ Erdoğan. Sie zeichnet in einer verhältnismäßig ausgewogenen Art und Weise die historische Genese der türkischen Republik nach, erläutert die Rolle Atatürks, die erzwungene Modernisierung, die abseits der von ihr profitierenden Eliten als fremdartig wahrgenommene Verwestlichung, die Funktion eines fast in den Rang einer Ersatzreligion erhobenen Nationalismus als „Bonbon“, das den Massen die Moderne bekömmlicher machen und die Autorität der allmächtigen Generäle zu legitimieren helfen sollte. Natürlich weicht Akyol als integraler Teil des deutschen Mainstreams keinen Jota vom Narrativ des polit-medialen Komplexes ab. Der politische Arm der terroristischen PKK, die Halkların Demokratik Partisi (HDP), ist für sie nicht Täter, sondern Opfer. Die Gezi-Randalierer waren keine gesteuerten Unruhestifter, wie man später auch auf dem Maidan finden sollte. Und natürlich kann man die Ereignisse von 1915 taxfrei als „Völkermord“ werten, ohne wie von der Türkei verlangt die Deportation von Armeniern im Osmanischen Reich als Teil eines komplexen Geschehens zu betrachten. Wer das alles für eine ausgemachte Sache und Erdoğan für einen „bösen Autokraten“ hält, wird Akyols Biographie ohne Bauchschmerzen lesen können.


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