06. September 2016

„Critical Mass“ in Hamburg Verkehrsinfarkt als Massenspaß

Rosarote Kinderwelt und kampferprobte Realität

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Bildquelle: shutterstock Zunehmendes Ärgernis in Hamburg: Militante Radler

Jeden Freitagnachmittag ist Schicht auf Hamburgs Straßen. Hunderttausende von Arbeitnehmern strömen ins Wochenende, viele von ihnen nach außerhalb. Darunter 320.000 sogenannte Einpendler (arbeiten in der Stadt, wohnen im Umland) und 100.000 Auspendler (andersherum). Ferner sind da Zehntausende von Handwerkern/Lieferanten/Monteuren aus Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, ohne die der Wirtschaftsmotor der Boomstadt nicht derart brummen würde. Auch sie wollen am Freitagnachmittag nur eines: so schnell wie möglich heim zu ihren Familien.

Doch so einfach läuft das nicht. Nicht an jedem letzten Freitag im Monat. Dann schlägt die Verkehrsguerilla zu. Radler, die clever ausgeheckt haben, wie man durch massenhaftes Blockieren bestimmter Knotenpunkte den Berufsverkehr weiträumig zusammenbrechen lassen kann. Die Aktion nennt sich „Critical Mass“ und beruft sich auf Paragraph 27 der Straßenverkehrsordnung, wonach mehr als 15 Radler eine Straße „als Verband“ nutzen dürfen. Die Polizei bestreitet das, weil in diesem Fall immer nur jeweils zwei Radler nebeneinander fahren dürften. Bei der „Critical Mass“ okkupieren Radler jedoch die gesamte Fahrbahnbreite, damit Autofahrer keine Chance haben, den Staukolonnen zu entkommen. Obwohl „Critical Mass“ offenbar rechtswidrig ist, werden die Blockierer von der Polizei geduldet, sogar von Motorradpolizisten eskortiert. So will es die Politik, heißt hier: die rot-grüne Koalition des Stadtstaates.

Die Teilnehmer des Flashmobs – im Sommer mehrere Tausend, im Winter manchmal nur einige hundert – bestehen auch aus den üblichen Verdächtigen, aber beileibe nicht nur aus ihnen. Klar, da sind die Mitglieder der von den Grünen gehätschelten Radlerlobby („Wir blockieren nicht den Verkehr – wir sind der Verkehr“). Ökosinnige Schüler, Studis und Lehrkräfte sind ebenso dabei wie die in Hamburg zahlreichen, meist auf irgendeine Weise per Staatsknete alimentierten Umweltapostel, Atomkraftgegner, Wind- und Solarkraftenthusiasten, Fracking-Feinde, Klima-Apokalyptiker.

Fahrradläden-Kollektive und andere sektenähnliche Sozietäten

Mit von der Blockadeparty sind auch Hardcore-Pedaltreter wie die Liegeradler, tendenziell suizidale Zeitgenossen. Manche Teilnehmer werden durch die Massensause dermaßen euphorisiert, dass sie ineinander brettern und dabei schon mal, wie es in einem Hamburger Volkslied heißt, mit dem Dassel gegen den Kantstein rasseln. Worauf sie schwerverletzt im Hospital landen, so zuletzt passiert vor einem Monat.

Dann sind da die zu Verkehrsrowdytum, pöbelhaftem Gebölk und physischer Gewalttätigkeit neigenden Radkuriere sowie Angehörige von Fahrradläden-Kollektiven und anderen sektenähnlichen Sozietäten, in denen alles ums Radfahren kreist. Welches ihnen als Erlösung nicht nur von der Geißel des motorisierten Verkehrs gilt, sondern vom Fluch des kapitalistischen Seins und Wirtschaftens überhaupt.

Wieder andere „Critical Mass“-Guerilleros gehören zur Fraktion der CO2-Vermeidungsfanatiker, die sich moralisch porentief rein vorkommen und davon das Recht ableiten, jeden Betreiber eines Verbrennungsmotors zu terrorisieren. Was diesen Typus umtreibt, habe ich unter dem Titel „Die Radlerpest“ vor zwei Jahrzehnten im „Stern“ aufgeschrieben.

Freilich, ein guter Teil des Mobs besteht aus gänzlich unpolitischen Gestalten. Sie genießen es schlichten Gemüts, in der Masse mitzuschwimmen, dabei schicke Räder, scheußliche Radlerklamotten und – manchmal – durchtrainierte Körper auszustellen. Sie haben gewöhnlich viel Freizeit und sind immer auf der Suche nach einem Thrill. Vielen genügt es schon, in den öffentlichen Verkehr einzugreifen, ohne Strafe fürchten zu müssen. Dieser Menschenschlag firmiert im Polizeijargon unter „erlebnisorientiert“.

Wir sind aus unserem Kuhdorf, wo nie was los ist, mit dem Auto gen HH gebrettert

Auf der Facebook-Seite von „Critical Mass“ Hamburg begeisterte sich ein beispielhaftes Mitglied dieser Spezies namens Sven-Olaf N. wie folgt: „Hallo, war super, das erste Mal mit Töchterchen. Da wir von auswärts sind und das Auto am Startpunkt abgestellt hatten, waren es nachher 44 Kilometer, bis wir wieder am Auto waren. Aber die Kleine hat sich tapfer gehalten. Wir kommen wieder.“

Lies: Wir sind aus unserem Kuhdorf, wo nie was los ist, mit dem Auto gen HH gebrettert. Dort die Räder vom Wagendach geholt, aufgesessen und Malocher genervt. Dann mit der Stinkekarre wieder heim in unser Kaff und vor den Fernseher. In der Hoffnung, uns bei einem – selbstredend sympathisierenden – NDR-Fernsehbericht über die „Critical Mass“ betrachten zu dürfen. So macht Umweltschutz Spaß!

„Critical Mass“ wurde in San Francisco erfunden, wo auch sonst. Die mit der Mob-Aktion ebenfalls sympathisierende deutsche „Wikipedia“ schreibt dazu: „Critical Mass ist eine weltweite Bewegung in Form der direkten Aktion, bei der sich mehrere nicht motorisierte Verkehrsteilnehmer scheinbar zufällig und unorganisiert treffen, um mit gemeinsamen und unhierarchischen Fahrten durch Innenstädte auf den Radverkehr als Form des Individualverkehrs aufmerksam zu machen. Darüber hinaus geht es der CM-Bewegung laut ‚Die Zeit‘ auch um ‚die Frage, ob öffentlicher Raum nicht dem Verkehr entzogen und ganz anders genutzt werden sollte.‘“

Was treibt die Radler auf die Straße? Ist Hamburg ein radlerfeindliches Pflaster, wo Drahteselreiter drangsaliert und ausgegrenzt werden? Mitnichten. Hamburg hat das vergleichsweise längste Radwegenetz der Republik, sage und schreibe 560 Kilometer lang. Selbst der Radfahrerverein ADFC lobt: „Das Radverkehrsnetz der Stadt verbindet alle Wohngebiete und wichtigen Zielorte ohne Umwege. Die Strecken sind angenehm, sicher und zügig zu befahren.“

Aversion des Grünmenschen gegen das Kraftfahrzeug an sich

Die Hansestadt pumpt jedes Jahr Millionen in Erhalt und Neubau von Radwegen. Vielerorts wird den Autofahrern Straßenraum weggenommen, werden darauf Radwege eingerichtet. Das Fahrradleihsystem „Stadtrad“ ist mittlerweile auf mehr als 170 Stationen angeschwollen und verschlingt viel öffentliches Geld. Es stimmt zwar, dass der eine oder andere Radweg in keinem guten Zustand ist. Aber das gilt genauso für viele Autostraßen der Hansestadt.

Der wahre Treiber für „Critical Mass“ ist die grundsätzliche Aversion des Grünmenschen gegen das Kraftfahrzeug an sich. Träume von der „autofreien Stadt“, in der Menschen sich allein per Beinkraft oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen, die Steuerquellen dennoch sprudeln wie isländische Geysire, sind so alt wie der Ökofimmel eines wohlhabenden Teils der Hamburger. Die Grünen holten bei den letzten Wahlen 14,7 Prozent und bekleiden in Gestalt eines ulkigen Milchmädchens den gutdotierten Posten des zweiten Bürgermeisters.

Folgerichtig laufen alle Rechnungen dieser Szene seit langem darauf hinaus, möglichst viele neue Tempo-30-Zonen zu schaffen, um das Autofahren zur Qual zu machen. ADFC und Grüne fordern gar Tempo 30 für den gesamten Stadtstaat, der immerhin 755 Quadratkilometer umfasst. Das wäre ein hübscher Schritt auf dem Weg zur ersehnten De-Industrialisierung der Hansestadt und zu ihrer Transformation in eine Großbaustelle für grüne Wolkenkuckucksheimprojekte.

Nun wäre es ziemlich sinnlos, Rad-Romantikern die tatsächliche, nämlich marginale Bedeutung des Pedalrittertums in einer globalisierten Wirtschaft verklickern zu wollen. Dass Radeln selbst in einer weitgehend platten Stadt wie Hamburg nicht viel mehr als eine saisonale Fortbewegungsform für fünf bis zehn Prozent zumeist jüngere, sportliche Leute ist, kann man recht gut an einem Fahrradzähler ablesen, der an der Hamburger Außenalster in Höhe der Gurlitt-Insel steht und die Steuerzahler 31.384 Euro gekostet hat.

Ein Fahrradzähler für 31.384 Euro

An warmen Sommertagen verzeichnet sein Display manchmal 10.000 und mehr passierende Radler. Herrscht aber, wie das halbe Jahr lang, jenes bundesweit bekannte Hamburger Schietwetter, so fällt die gemessene Radlertageszahl abrupt auf 2.000 und weniger zurück. Nicht zu reden von Tagen mit Glatteis, Schneematsch und so weiter. Wobei man noch anmerken muss, dass der Zähler möglicherweise von Anbeginn defekt war, jedenfalls nach Berichten von aufmerksamen Radlern sowieso viel zu viel Radverkehr anzeigt.

Die Vorstellung, ausgerechnet die Radelei stelle „den Verkehr“ in der Elbmetropole dar oder könne das irgendwann mal leisten, ist so herrlich einfältig, dass man besser nicht dran rührt. Ihre Träger sind vermutlich Menschen, denen die kleinprinzliche Kalenderweisheit „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ noch immer Tränen in die Augen zu treiben vermag. In diese rosarote Kinderwelt sollte man keinesfalls graue Fakten streuen.

Was die „Critical Mass“ betrifft, so handelt es sich um einen Begriff aus der Kernphysik, welcher auch in die Spieltheorie eingegangen ist. Danach muss nicht die gesamte Gruppe von einer Strategie überzeugt werden. Es genügt, wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen hinter ihr steht, damit sich die Strategie „selbsttragend“ durchsetzt. Frei übersetzt: Sogar eine kleine Minderheit, sagen wir zehn Prozent oder so, kann eine kritische Masse bilden und eine Gesellschaft tiefgreifend verändern. Wenn auch nicht zwingend zu deren Vorteil.

Theorie ist das keineswegs. Auch nicht bloß ein Spiel. Sondern kampferprobte Realität. Der Bogen reicht über 50 Jahre. Von „Mehr Demokratie wagen“ über „Bunte Republik Deutschland“ bis hin zu „Wir schaffen das!“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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