16. August 2016

RezensionArnulf Baring/Josef Kraus/Mechthild Löhr/Jörg Schönbohm: Schluss mit dem Ausverkauf!

Der traurige Niedergang der Union und ihre bedingungslose Kapitulation vor dem Zeigeist

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Gleich vier Autoren widmen sich in diesem Buch der „bedingungslosen Kapitulation“ der CDU vor dem Zeitgeist und dem „Verfall unserer Parteiendemokratie“:  der Dauer-Talkshowgast und Publizist Arnulf Baring, der Lehrerverbandspräsident Josef Kraus, die Vorsitzende der „Christdemokraten für das Leben“, Mechthild Löhr, sowie Brandenburgs Ex-Innenminister Jörg Schönbohm. Man beklagt, dass die Abtreibung von jährlich über 100.000 Kindern von der CDU „stillschweigend“ gebilligt werde (Baring). In der Diskussion um sogenannte „Armut“ sei die CDU „nicht in der Lage, den Missbrauch von Statistiken aufzugreifen und anzuprangern“ (Kraus). Sie opfere „das Ideal der Anstrengungsgesellschaft der Wellness-Bequemlichkeit“ (Löhr). Anstatt das Ideal der Familie zu betonen, erkläre sie „das Singledasein, die Dreierbeziehung, die Patchwork-Familie und gleichgeschlechtliche Beziehungen für gleichwertig“ (Schönbohm). So weit, so schön und gut, und abgesehen von manchen etatistisch-konservativen Positionen, die ein Sozialdemokratismus mit umgekehrtem Vorzeichen sind, liegen die Autoren in etwa 70 Prozent des Gesagten richtig. Neben der Sozialdemokratisierung der CDU beklagen sie zudem den autoritären Politikstil der Partei, die Aushöhlung innerparteilicher Mitbestimmung und die ebenso rapiden wie grundlosen Kurswechsel, etwa in der Atom- und der Euro-Frage. Nur: So richtig diese Befunde abgesehen von manchen geistigen Tieffliegern im Buch sind, so sind sie doch nichts Neues. Dass die CDU längst eine sozialdemokratische Partei ist, geben mittlerweile auch linke Medien zu. Daher muss man die entscheidende Frage stellen: Was wollen denn nun die Autoren eigentlich konkret tun, um den Untergang noch aufzuhalten? Ein Buch zu schreiben reicht nicht. Und was sind denn nun ihre Lösungsvorschläge gegen die von ihnen beklagte Entwicklung der Parteiendemokratie zu einer autoritären Funktionärsoligarchie? Davon liest man nichts. Auch bei anderen Themen belässt man es bei Problembeschreibung. So kritisiert Schönbohm die Ungerechtigkeit, dass der Geselle kaum mehr verdiene als der Hartz-IV-Empfänger, nennt aber nicht die daraus folgende notwendige politische Konsequenz, nämlich dass Sozialleistungen massiv gekürzt werden müssen. Beim Lesen drängt sich denn auch häufig der Eindruck auf, dass es primär um die Profilierungssucht von eitlen, merkelfrustrierten C-Promis geht, deren Karrierenzenit überschritten ist. Sie hätten das Buch auch nennen können: „Was ich der Welt schon immer mal sagen wollte – was mir aber in den Talkshows noch nicht in gebührender Breite gestattet wurde“. Über weite Strecken waren mindestens einige der Autoren selbst Teil des Duckmäusertums und der Abgrenzungen gegen „rechts“, die im Buch angeprangert werden. Baring rief zwar vor Jahren in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die Bürger auf die Barrikaden, doch beim nichts kostenden Aufruf an Andere blieb es. Wenn Karrieristen, Parteisoldaten und jahrelange Vertreter des Establishments sich in Kritik an selbigem versuchen, kommt eben selten etwas Gutes und Glaubwürdiges dabei heraus. Nirgendwo wird gesagt, wie denn nun Druck aufgebaut werden kann, damit der selbstmörderische Linkskurs der Republik sich ändert. Denn dass die Lady im Kanzleramt und ihre skrupellosen Spießgesellen sich für das Buch interessieren oder sich gar von der Kritik überzeugen lassen – das glauben die Autoren doch wohl selbst nicht. Baring stellt daher auf der letzten Seite des Buchs die richtige Frage: „Sagt mal, ihr Lieben, interessiert das eigentlich irgendjemanden, was wir hier reden?“ Als letzten Satz des Buchs wirft Baring schließlich aus der Position des Talkshow-Sternchens den ohnmächtigen Bürgern vor: „Wenn unsere Bürger nicht so schläfrig wären, stünden sie längst auf den Barrikaden.“ Ach, Baring, steig doch selbst mal auf eine!


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