16. August 2016

Versorgung und Umwelt Schluss machen mit der Energiewende

Die Bundesregierung bleibt auf Harakiri-Kurs

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Bildquelle: shutterstock Spiegel und Spargel: Neue Energien

Mit begründeter Kritik gegen Merkels „Energiewende“ gehe ich auf meiner Blog-Seite vor, seit diese Seite besteht, nämlich seit 2008. Es ist ein Thema mit Variationen, aber noch immer notwendig, behandelt zu werden. Wem das zu viel ist und unnötig erscheint, der sei an das Wort von Goethe an Eckermann erinnert: „Man muss das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum um uns her immer wieder gepredigt wird und zwar nicht von einzelnen, sondern von der Masse, in Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten. Überall ist der Irrtum obenauf, und es ist ihm wohl und behaglich im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist.“ Gleiches drückt das gute alte Sprichwort aus: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Also muss weiter gehöhlt werden.

Am Höhlen beteiligt sich auch der eingetragene Verein Stromverbraucherschutz NAEB, bei dem ich Mitglied bin. Er tut dies regelmäßig mit Informationen, die er als Pressemitteilungen an Redaktionen schickt. Mit der jüngsten Mitteilung richtet er sich in Form eine Offenen Briefes an die Mitglieder des Bundestages und der Bundesregierung, um ihnen die Ergebnisse der Energiewende vor Augen zu halten. Ich gebe hier den Text im Wortlaut wieder.

Es ist Zeit, die Ergebnisse zu bewerten und daraus die nötigen Schlüsse zu ziehen

„Mehr als zwölf Jahre nach dem Start des Experimentes Energiewende wird es Zeit, die bisherigen Ergebnisse zu bewerten und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Der Stromverbraucherschutz NAEB e.V., ein Zusammenschluss von Fachleuten, die über Jahrzehnte erfolgreich an einer sicheren und bezahlbaren Energieversorgung in Deutschland beteiligt waren, hat die Folgen der deutschen Energiewende zusammengestellt. Das Ergebnis ist erschütternd. Die Energiewende ist eine Sackgasse. Je weiter man fährt, desto schwieriger und teurer wird die Umkehr. Es wurde kein angestrebtes Ziel erreicht.

Die Stromversorgung sollte preiswerter und sicherer werden. Sie wurde teurer und unsicherer. Seit dem Start der Energiewende hat sich der Strompreis verdoppelt. Und der Strompreis steigt weiter. Blackouts lassen sich nur noch mit Mühe und immer höheren Kosten vermeiden.

Die Energieversorgung sollte unabhängiger von Importen werden. Nun wird von der Bundesregierung und vielen Bundestagsabgeordneten die Stillsetzung der Braunkohlekraftwerke gefordert, die den preiswertesten Strom verlässlich erzeugen und für die noch über Jahrhunderte heimische Braunkohle vorhanden ist. Wir werden damit abhängiger von Brennstoffimporten.

Die Umwelt sollte durch Ökostromanlagen als Ersatz für Kraftwerke geschützt werden. Die Verspargelung der Landschaft durch mehr als 25.000 Windkraftanlagen, die Vögel und Fledermäuse schreddern, ist kein Umweltschutz. Auch die Verspiegelung der Landschaft durch Solarkollektoren und die Monokulturen von Mais fördern nicht den Artenschutz. Dazu kann kein einziges konventionelles Kraftwerk eingespart werden. Sie müssen einspringen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Trotz dieser Umweltbelastung sollen die Windkraftanlagen noch verdreifacht werden.

Die Kraftfahrzeuge sollen auf Elektroantrieb umgestellt werden. Damit verdoppeln sich die Autokosten. Die Reichweite mit aufgeladenen Batterien ist nur ein Fünftel derer eines aufgetankten Autos mit Verbrennungsmotor. Die Tankzeit steigt von drei Minuten auf eine Aufladezeit von acht Stunden. Zum Aufladen werden zusätzlich 40 neue Kohlekraftwerke mit einer Leistung von je 1.000 Megawatt benötigt, wenn der Wind nachts nicht weht.

Ökostrom sollte die preiswerteste Stromerzeugung werden, da kein Brennstoff benötigt wird. Ökostrom ist im Mittel viermal teurer als Strom aus konventionellen Kraftwerken. Die Hoffnung, durch Verbesserung der Technik wesentliche Kosteneinsparungen zu erreichen, ist eine Utopie. Die Technik ist weitgehend ausgereizt. Ohne die hohe Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist der Betrieb von Ökostromanlagen unwirtschaftlich. Ohne Vorrangeinspeisung ist der wetterwendische Ökostrom nicht absetzbar. Der Ausgleich der starken Schwankungen ist viel zu aufwendig. Ökostrom wird heute über die Börse zu Dumpingpreisen bis hin zu Zuzahlungen bei Überproduktion entsorgt.

Ökostrom sollte Arbeitsplätze sichern und neue Arbeitsplätze schaffen. Die hohen und weiter steigenden Strompreise vertreiben immer mehr Industriebetriebe in Länder mit günstigen und berechenbaren Energiepreisen. Dies wird ersichtlich an den geringen Reinvestitionen in Deutschland seit zwölf Jahren, dem Beginn der Energiewende. Die Arbeitsplätze der Ökostromindustrie sind durch die EEG-Umlage hoch subventioniert. Die Subventionen pro Arbeitsplatz sind weit höher, als sie im deutschen Steinkohlenbergbau waren.

Die Energiewende sollte den Lebensstandard in Deutschland verbessern. Die EEG-Umlage ist eine Umverteilung von unten nach oben. Sie ist ein Entzug von Kaufkraft für den größten Teil der deutschen Bevölkerung zugunsten der Ökostromprofiteure. Zu der EEG-Umlage in Höhe von derzeit 25 Milliarden Euro im Jahr kommt nach Prüfungen des Bundesrechnungshofes noch einmal die gleiche Summe für Verwaltungen in den verschiedenen Ministerien von Bund und Ländern sowie in Städten und Gemeinden zur Durchsetzung und Verwaltung der Energiewende hinzu. Statistisch wird jeder Bundesbürger derzeit schon mit mehr als 600 Euro im Jahr mit der Energiewende belastet. Dieses Geld fehlt an Kaufkraft und in der Folge als Gewerbesteuer in den Städten und Gemeinden. Der Lebensstandard wird immer geringer.

Die Belastung der Bürger durch Abgase der Kraftwerke sollte verringert werden. Statt entschwefelter und entstickter Abgase in Kraftwerksnähe werden nun über ganz Deutschland die Bürger mit Infraschall und Abgasen aus Biogasanlagen gesundheitlich geschädigt. Die Immobilien werden in der Nachbarschaft von Ökostromanlagen kräftig entwertet. Die gesundheitliche Belastung der Bürger hat durch die Energiewende zugenommen.

Deutschland sollte Vorreiter für eine umweltfreundliche Energieversorgung in Europa und der Welt werden. Die Energiewende führt stattdessen zu immer größerem Ärger mit unseren Nachbarländern. Polen, Belgien und auch Frankreich schotten sich gegen die Überflutung mit deutschem Ökostrom durch Sperren an der Grenze ab, weil sie ihr Netz stabil halten wollen. Die Dumpingpreise an den Strombörsen bringen die Stromerzeuger in der Schweiz und selbst in Frankreich in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Europäische Union wird durch die Energiewende geschwächt.

Wir haben bewusst nicht den sogenannten Treibhauseffekt durch Kohlenstoffdioxid bewertet. Die Politik hat bisher keine Antwort auf die Frage gegeben, wie viel Kohlenstoffdioxid wir in der Luft brauchen, um einen optimalen Pflanzenwuchs zu erreichen, und auf welchen Wert dieses Spurengas abgesenkt werden sollte, um eine kritische Erderwärmung zu vermeiden. Unstrittig ist, ohne Kohlenstoffdioxid in der Luft gibt es keinen Pflanzenwuchs und in der Folge auch kein Leben.

Gleichfalls haben wir keine Stellung genommen zu der Aufgabe der Kernkraftwerke in Deutschland. Nach jahrelanger Panikmache gegen die Kernkraftwerke ist eine kurzfristige Änderung der derzeitigen Kernkraftpolitik in Deutschland nicht durchsetzbar. Kohlekraftwerke können die Aufgaben der Kernkraftwerke ohne größere Probleme übernehmen. Wir mahnen aber eine sachliche Bewertung der Strahlengefahr an. Die derzeitige Bewertung der Politik mit dem Bundesamt für Strahlenschutz an der Spitze kann nicht beibehalten werden. Es wird davon ausgegangen, dass eine bestimmte Strahlenmenge, unabhängig von der Zeit, tödlich ist. Übersetzt heißt das: Wenn ein Mensch zwei Flaschen Schnaps an einem Abend trinkt, überlebt er es nicht. Trinkt er jeden Abend einen kleinen Schluck und hat nach einem Jahr die beiden Flaschen geleert, fällt er nach der Bewertung des Bundesamtes auch dann tot um.

Sehr geehrte Minister, sehr geehrte Abgeordnete,

wir haben Ihnen die Sackgasse mit den vielen negativen Folgen für Deutschland aufgezeigt, in die Sie mit der Energiewende Deutschland immer tiefer hineinführen. Haben Sie den Mut, Ihren Fehler einzugestehen, und stoppen Sie diese unwirtschaftliche, umweltschädigende und unsoziale Entwicklung. Stoppen Sie die Energiewende zum Wohle unserer Kinder und Kindeskinder. Noch ist es möglich ohne Aufgabe unseres Wohlstandes. Denken Sie nicht an sich, sondern an Deutschland und Europa.“

Die Bundesregierung bleibt auf Harakiri-Kurs

Soweit der Offene Brief. Den Text verfasst hat NAEB-Mitglied Prof. Dr. Hans-Günter Appel. Ergänzen möchte ich den Brief mit dem Hinweis auf einen Beitrag in der „FAZ“ von Jürgen Großmann und Fritz Vahrenholt. Großmann war Vorstandsvorsitzender von RWE und Vahrenholt Energie-Manager und Umweltsenator in Hamburg. Beide schreiben unter anderem: „Die Grünen schlagen Alarm. Sie werfen der Bundesregierung vor, die Energiewende abzuwürgen. Ihre Sorgen möchte man haben! In Wirklichkeit hält die Bundesregierung unbeirrt daran fest, den Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch weiter hochzuschrauben. Von 29 Prozent heute soll er auf 45 Prozent im Jahr 2025 steigen. Egal, wie sehr das der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft schadet, egal, wie viele Arbeitsplätze das kostet, egal auch, wie unsozial das ist, die Bundesregierung bleibt auf Harakiri-Kurs.“

Was die Lage noch dramatischer und unerträglicher macht

Ferner: „Jeder weiß um das Grundproblem von Wind- und Sonnenstrom. Wenn kein Wind da ist, und das kann schon mal eine ganze Woche der Fall sein, hilft auch die Verdoppelung der Kapazität nichts. Null bleibt null. Das gilt ebenso für den Sonnenstrom an düsteren Tagen. Da hilft nur die Entwicklung von Speichertechnologien, die allerdings immer noch prohibitiv teuer sind. Deren Kosten kommen, wenn wir sie denn entwickelt haben, zum teuren Solarstrom und Windstrom noch hinzu. Noch viel dramatischer ist die immer häufiger auftretende Überproduktion von Strom an windstarken Tagen. Was diese Situation noch unerträglicher macht: Wenn in Deutschland Windkraftwerke wegen der Überfüllung des Netzes abgestellt werden müssen, werden die Betreiber trotzdem bezahlt, genauso, als ob sie Windstrom produziert hätten. Dies führte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zu der Äußerung, dass andere Länder uns für ‚Bekloppte halten‘.“

Viele kennen die Bedeutung der Sekundenreserve nicht

Und weiter: „Die Grünen wollten dem begegnen, indem sie die Kohlekraftwerke abschalten. Was sie – und viele andere ebenso – nicht wissen, ist, dass zur Sicherstellung der Sekundenreserve mindestens 20 Prozent der Stromnachfrage durch konventionelle Generatoren erzeugt werden müssen. Wenn ein ICE den Bahnhof verlässt, wenn ein Stahlwerk angefahren wird oder wenn im Stadion das Flutlicht angeht, muss in dieser Sekunde ein Kraftwerk hochgefahren werden, und zwar nicht per Hand, sondern gesteuert durch den Frequenzabfall im Stromverbund. Solar und Wind können diese Sekundenreserve nicht zuverlässig leisten. In dieser Situation neue Windkraftwerke in Regionen wie zwischen Rostock und Stralsund aufzustellen, ist Unsinn. Im Starkwindfall sind die Leitungen bis zum Anschlag voll, so dass für jedes neue Windkraftwerk ein bestehendes vom Netz genommen und trotzdem bezahlt werden muss.“ („FAZ“ vom 16. Juli 2016, Seite 22.)

Bemerkenswert ist dieser Beitrag, weil er im Gegensatz zu dem steht, was die „FAZ“-Redaktion ihren Lesern in Sachen Energiewende sonst so an eigenem Mitläufertum zumutet. Doch hat sie auch einen Leserbrief veröffentlicht, der den Großmann-Vahrenholt-Beitrag noch um zusätzliche Kritik und Gesichtspunkte ergänzt.

Das Märchen vom „sauberen Strom“ ist ein Wunschtraum

Darin ist unter anderem zu lesen: „Die Autoren von ‚Sorgen um die Energiewende‘ haben ebenso drastisch wie zutreffend das Desaster der deutschen Energiewende beschrieben. Sie haben leider ein paar wichtige Dinge vergessen: Das Märchen vom ‚sauberen Strom‘ ist Wunschtraum und nicht die Wirklichkeit. Die Produktionsprozesse zur Herstellung von Solar- und Windenergieanlagen verursachen erhebliche Mengen an Kohlendioxid und anderen Treibgasen. So erreichen Solaranlagen durch Emissionen aus vorgelagerten Produktionsprozessen (Wafer-, Zell- und Modulfertigung) knapp 50 Prozent der Emissionen von Steinkohlekraftwerken – wie eine Studie der Universität Stuttgart (Institut für Energiewirtschaft und rationelle Energieanwendung) vor einigen Jahren ergeben hat. Dies wird auch vom Bundesumweltministerium nicht bestritten, das das Märchen vom sauberen Strom gleichwohl weitererzählt.“ (Professor Dr. Hellmut Wagner, Karlsruhe, in der „FAZ“ vom 23. Juli 2016, Seite 27.)

Der vergleichsweise enorm hohe Verbrauch an Kupfer, Eisen und Bauxit

Ferner weist Professor Wagner auf eine weitere und bisher überhaupt nicht thematisierte Tatsache hin: „Auch der spezifische Rohstoffverbrauch (Kupfer, Eisen und Bauxit) für den Bau von Solaranlagen ist außerordentlich hoch. Der spezifische Einsatz von Kupfer beispielsweise beträgt das 40-Fache und der Einsatz von Bauxit (aus dem energieintensiv Aluminium gewonnen wird) etwa das 70-Fache im Vergleich zur fossilen und nuklearen Stromerzeugung. Der Einsatz Seltener Erden ist enorm.“

Abschließend ein Wort von Alfred Polgar, dem österreichischen, Schriftsteller, Kritiker und Aphoristiker (1873-1955): „Die Menschen glauben viel leichter eine Lüge, die sie schon hundertmal gehört haben, als eine Wahrheit, die ihnen völlig neu ist.“ Eben darum muss man die Wahrheit ebenfalls hundertmal wiederholen. Siehe oben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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