15. August 2016

RezensionKai A. Konrad/Holger Zschäpitz: Schulden ohne Sühne?

Warum der Absturz der Staatsfinanzen uns alle trifft

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Die beiden Autoren haben sich das Ziel gesetzt, ein kleines Staatsschulden-Vademecum zu verfassen. Ihr Ziel haben sie erreicht. Auf gut 200 Seiten mit zusätzlichem Quellenregister behandeln sie die Staatsschuldenkrise in schöner Tiefe. Das für das Vordenken von Auswegen erforderliche Rüstzeug bringen beide mit. Kai Konrad ist einer der renommiertesten deutschen Volkswirte, Holger Zschäpitz ist leitender Wirtschafts- und Finanzredakteur einer großen deutschen Tageszeitung. Die Kombination ist fruchtbar. Die sorgfältig aufbereiteten ökonomischen Fakten kommen in einer unaufgeregten und uneitlen Sprache daher. Im wichtigsten Abschnitt beleuchten die Verfasser die unterschiedlichen Verteilungswirkungen möglicher Entschuldungsmaßnahmen. Implizit räumen sie dadurch mit dem vielleicht größten Missverständnis auf: Weginflationieren und Umschuldung sind alternative Wege zur angeblich alternativlosen Rettungspolitik. Doch die Rettungspolitiker bauen lieber auf neue Schulden, mit denen Zeit für Reformen und zum Herauswachsen aus der Schuldenmisere gekauft werden soll – „Schuldenabbau im Schlaf“, heißt es dazu im Buch. Doch die Autoren warnen davor, auf diese „Münchhausen-Lösung“ zu hoffen. Gescheitert sei auch nicht die Architektur der Eurozone mit dem Stabilitäts- und Wachstumspakt an sich. Es habe an der Glaubwürdigkeit der Nichtbeistandsklausel gefehlt. Dies sei die Ursache für eine Fehlfunktion der Finanzmärkte, die jene fatale Systemrelevanz produziert hätten. Gebraucht werde eine Finanzwelt ohne die derzeitigen Verschuldungsanreize von Banken und mit der Möglichkeit, Finanzinstitute im Verlustfall auch bankrottgehen zu lassen. Mit dieser korrekten Diagnose endet das Werk. Welches Medikament zu verabreichen und welche Operation durchzuführen ist, verrät es hingegen nicht. Das ist seine Schwäche. Doch fehlt im Grunde nur der kleine Schritt hin zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie, die gesundes Geld verordnen würde.


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