15. August 2016

RezensionPeter Kampits: Wer sagt, was gut und böse ist?

Eine philosophische Reise

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Die Frage nach Gut und Böse gehört seit der Antike zu den zentralen Anliegen der Philosophie. Wer darüber zu befinden hat, was gut und böse sei, ist indes eine Fragestellung neueren Datums. Spätestens seit Ronald Reagans auf die Sowjetunion gezielter Wortschöpfung vom „Reich des Bösen“ hat diese eine handfeste politische Dimension erhalten. Der Wiener Philosoph Peter Kampits startet seine „philosophische Reise“ zur Klärung dieser Frage mit einem Märchen – Hänsel und Gretel –, in dem nach seiner Meinung alle notwendigen Zutaten (mit Ausnahme solcher religiösen Charakters) zur Abgrenzung von Gut und Böse enthalten sind. Von da aus geht es über die Betrachtung naturwissenschaftlicher Interpretationsversuche – wie etwa „Das sogenannte Böse“ (Lorenz) und „Das egoistische Gen“ (Dawkins) – weiter zu verschiedenen psychoanalytischen Ansätzen. Die Beiträge der Hirnforschung zum Thema fallen höchst ernüchternd aus. So wird Wolf Singer mit der Aussage zitiert: „Keiner kann anders, als er ist.“ Determinismus pur, der die Frage nach Gut und Böse überflüssig macht. Daran anschließend werden die Beiträge von Mythen und Religionen zur Fragestellung des Buches untersucht – allerdings, so der Autor, ohne befriedigende Antworten zu finden. Das für Christen so wesentliche Phänomen der „Erbsünde“ – die Wurzel alles Bösen – könne von der Theologie nicht zufriedenstellend erklärt werden, ohne sich dabei in logische Widersprüche zu verwickeln. Von der Religion unbeantwortet bleibe auch die Frage, wie ein angeblich barmherziger Gott unentwegt das Böse auf der Welt zulassen kann, das selbst unschuldigen Kindern widerfährt. Der nüchterne Blick auf die Welt wie sie ist treibe viele rationalistische Denker deshalb in den Atheismus. In der Philosophie sei die Beurteilung von Gut und Böse nicht von der Frage nach der Freiheit zu trennen. Schon Platon weist dem einzelnen Menschen die volle Verantwortung für sein Tun zu. Die Betrachtungen vieler großer Denker laufen bis heute darauf hinaus, das Böse für den Preis für die Freiheit zu halten. Sartre stellte fest: „Die Hölle, das sind die Anderen.“ Doch warum sind immer nur die Anderen böse? Welche Rolle spielen unsere Gefühle für die Beurteilung von Gut und Böse? Und welcher Stellenwert kommt unserem Gewissen zu? Werden bis hierhin eher behutsam Fragen gestellt als leichtfertig Antworten gegeben, ändert sich der Ton, wenn der Autor das Gute mit der Frage nach der Gerechtigkeit verknüpft. Plötzlich kommt ein recht robuster, egalitärer Kollektivismus zum Vorschein, der sich auf Rawls’ Thesen beruft. Da darf dann auch die Platitüde, wonach „die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden“ nicht fehlen. Heraus kommt das Bekenntnis des engagierten Gesellschaftsklempners, wonach die – politisch definierte und erzwungene – soziale Gerechtigkeit die Basis einer Gesellschaft bildet, auf der „die Bedingungen, das Böse zu lassen und nach dem Guten zu streben, optimiert werden können.“ Das ist wohl daneben, denn das Gute, so wenig wie ethisches Verhalten, ist nicht zu erzwingen, sondern setzt stets die freie Wahl voraus. Unter Rückgriff auf im Jahre Schnee abgehaltene Hexenverfolgungen darf auch der Hinweis auf „die Frau“ als Sündenbock nicht fehlen. Der politischen Korrektheit dürfte damit hinreichend Tribut gezollt sein. Zum Schluss kehrt Kampits zum Ausgangspunkt seiner philosophischen Reise – zu „Hänsel und Gretel“ – zurück, um auf einer der letzten Seiten festzustellen, dass es ihn gibt, „den echten Bösen, der Freude am Bösen hat und das Böse um seiner selbst willen wählt“. Um das zu erkennen, bedarf es der Lektüre des Buches allerdings nicht. Gibt es das Gute nur, weil es das Böse gibt? Ist das eine ohne das andere überhaupt vorstellbar? Dieses Rätsel wird nicht gelöst. Der Autor hat es allerdings verstanden, das Problem von vielen Seiten zu beleuchten. Dass dabei mehr Fragen als Antworten herauskommen, ist kein Fehler und liegt in der Natur der Sache. Fazit: Lesenwert.


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