12. August 2016

RezensionKnut Hamsun: Hunger

Roman

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„Kunst macht selten reich, aber glücklich.“ Diesen Satz werden viele Schauspieler, Schriftsteller und andere Künstler unterstreichen. Auf den jungen Mann in Knut Hamsuns Meisterwerk „Hunger“ – mit dem der norwegische Nobelpreisträger seinen literarischen Durchbruch erzielte – trifft nur der erste Halbsatz zu. Die Hauptfigur ist ein mittelloser Autor, dem wir auf seinen ziellosen Wanderungen durch die Stadt Kristiania (heute Oslo) folgen. Er ist vom Hunger getrieben, und man weiß nicht, ob denn nun sein körperlicher oder sein seelischer Verfall schneller voranschreitet. Demjenigen, der von der Lektüre eines Romans in erster Linie Unterhaltung und Ablenkung vom grauen Alltag erwartet, sei vom Lesen dieses schmalen Bandes dringend abgeraten. Denn auch wenn einen die Lektüre fasziniert und bereichert, so ist eine gewisse depressive Verstimmung beim Leser doch unvermeidlich. Dass dieses Buch, das die moderne Erzähltechnik des Bewusstseinsromans virtuos anwendet, nun in einer preisgünstigen Ausgabe erschienen ist, verdanken wir der „Bild“-Zeitung, die sich sonst eher nicht unbedingt dem vom Hunger Gezeichneten widmet. Der junge Autor in Hamsuns Roman wohnt in einer Dachkammer in der norwegischen Hauptstadt, Mietschulden peinigen ihn, mit dem Schreiben von Artikeln und Fortsetzungsgeschichten versucht er, die finanziellen Löcher mühselig zu stopfen. Dabei ist er die ganze Zeit ein Getriebener, ein Mensch, mit dem man eigentlich Mitleid haben müsste, der aber aufgrund seiner unangenehmen Charaktereigenschaften und seines wahnhaften Stolzes nicht unbedingt ans Herz wächst. In gewisser Weise gilt das auch für den Autor des Buches. Knut Hamsun hat mit seiner Sympathie für den Nationalsozialismus persönliche Schuld auf sich geladen. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass er ein großartiger Schriftsteller war, der viele bedeutende Dichter des 20. Jahrhunderts wie Thomas Mann, Ernest Hemingway oder James Joyce beeinflusst hat. Das Faszinierende an „Hunger“ ist, dass es Knut Hamsun nicht um wohlfeile Sozialkritik oder die Suche nach den Gründen für die seelische und körperliche Verwahrlosung seines Helden geht. Es ist einfach so, und wir verheddern uns abgestoßen und gleichzeitig angezogen in den immer fiebrigeren Windungen der Phantasie des jungen Journalisten, der im Leben keinen Fuß fassen kann. Ob ihm seine Flucht nach England am Ende des Romans Glück bringen wird, bleibt offen. Mancher junge Mensch, der heute „irgendwas mit Medien“ unternehmen möchte oder einen Job in der „Kreativbranche“ sucht – am liebsten natürlich in der Metropole Berlin – sollte zuvor vielleicht zu „Hunger“ greifen. Die Angehörigen prekärer Arbeitsverhältnisse und Dauerpraktikanten werden mit dem jungen Mann sympathisieren, der sich vom „Nein der Redakteure“ nicht abbringen lässt und sich ständig einredet, alles müsse doch irgendwie ein glückliches Ende finden. Die Chemnitzer Musikband „Kraftklub“ hat dieses Lebensgefühl unlängst in dem Song „Ich will nicht nach Berlin“ satirisch auf die Schippe genommen. Insbesondere die jungen Kreativen bekommen eine volle Breitseite ab, also quasi die Nachfahren des Protagonisten von Hamsuns „Hunger“. Kraftklub singt: „Ich habe da gerade so’n Projekt – super! Noch nichts Konkretes, aber sehr geil / Businessmäßig hab ich mich da noch nicht festgelegt / Irgendwas im ‚creative’ Bereich – Auf jeden Fall! / Bloß kein Nine To Five Job / Find ich ja mega ätzend! / Genau, ich mach einfach einen Fashion Blog – geil! / Und laufe dann mit meiner Spiegelreflex durch Friedrichshain und mache Fotos von ‚Streetern’ und interessanten Leuten / Hauptsache hier in Berlin!“ Hochmut kommt vor dem Fall, sagt ein altes Sprichwort. Wer diesen Satz beherzigt, wird vielleicht nicht scheitern wie Hamsuns hungernder Held, dessen Stolz ihm im Wege steht, wie Daniel Kehlmann in seinem knappen Nachwort herausarbeitet: „Gerade weil er nicht bereit ist, sich als Bedürftigen zu sehen, gelingt es ihm nicht, etwas gegen sein Los zu unternehmen.“


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