11. August 2016

RezensionArthur Koestler: Sonnenfinsternis

Roman

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Bereits die Entstehungsgeschichte des nun in einer neuen Ausgabe erschienenen Romans in den Jahren 1938 bis 1940 zeigt die Dramatik im Leben des Autors, der selbst ein Fliehender war: Geistig vor der KPD, deren Mitglied er 1931 bis 1938 war und die er unter dem Eindruck der Moskauer Schauprozesse verließ. Das deutsche Originalmanuskript ging während der Flucht des Autors vor den Schergen der Nazis verloren, es handelt sich daher bei der deutschen Ausgabe um eine Rückübersetzung Koestlers aus der englischen Fassung. Der Roman legt ein erschütterndes Zeugnis ab von der Absurdität der beiden totalitären Systeme der damaligen Zeit, des Nationalsozialismus und vor allem des Stalinismus. Der Protagonist Rubaschow, ehemaliger hoher Funktionär der KP, findet sich unversehens selbst in einer Gefängniszelle wieder und rätselt über das, was ihm bevorsteht. Noch unter dem Eindruck der Folter und des nahenden Todes fügt er sich dem System, selbst die absurdesten Vorwürfe sieht er durch die Augen eben dieses Systems, an dessen endgültigen Sieg er bis zuletzt glaubt. In eingeschobenen Rückblenden erfährt der Leser, wie Rubaschow etwas früher einen jungen deutschen Kommunisten während einer Auslandsmission ans Messer der Nazis geliefert hat – alles im Sinne der Parteilinie, weil nicht autorisierte Flugblätter verteilt wurden. Heiligt der Zweck jedes Mittel? Diese Leitfrage durchzieht das ganze Buch, das einen schaudern lässt angesichts der Brutalität revolutionären, totalitären Denkens, bei dem der Einzelne nichts zählt und in dem auch Freiheit und Vernunft, die doch so gerne – wie in der Französischen Revolution – ins Feld geführt werden, auf der Strecke bleiben. Wenn die Einschätzung Koestlers auch nur ansatzweise zutrifft – dass das Erscheinen von „Sonnenfinsternis“ in Frankreich die Popularität der dortigen Kommunistischen Partei nach 1945 entscheidend geschwächt hat –, dann ist das Prädikat „einer der bedeutenden politischen Romane des 20. Jahrhunderts“ mehr als gerechtfertigt.


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