10. August 2016

Der Einzelne und die Politik Ein geteiltes Haus

Ein intaktes Rückgrat schafft keinen Frieden

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Bildquelle: shutterstock Fest auf individuellem Boden: Mit Rückgrat gegen das Teilende der Politik

„A House Divided“ (Ein geteiltes Haus) – so der Titel der Rede Abraham Lincolns als Senatskandidat für den Staat Illinois vom 16. Juni 1858. Aufbauend auf dem Bibelzitat sagte er sinngemäß: „Jedes Haus, das in sich uneins ist, wird nicht bestehen. Ich glaube, dass diese Regierung auf Dauer nicht überleben kann, indem sie halb für die Sklaverei ist und halb für die Freiheit. Ich erwarte nicht, dass die Union aufgelöst wird; ich erwarte nicht, dass das Haus einstürzt; aber ich erwarte, dass es aufhören wird, geteilt zu sein. Es wird entweder ganz das eine oder ganz das andere sein.“

Es gibt dieser Tage Grund, von solchen Erwartungen in Bezug auf Parteien, nationale Parlamente und die Europäische Union weit entfernt zu sein. Von oben über die medialen Kanäle wird der Wille zum Einen wohl lautstark beschworen. Gemeint ist aber etwas anderes: Geeint werden soll der treue Teil gegen den untreuen, der gute gegen den bösen. Machstreben und -erhalt durch Bewirtschaftung von Feindbildern. Spaltung ist Grundlage und Ziel. Das „Halb-Halb“-Programm. Der Blick in Nachrichtenformate, soziale Medien und auf die Straßen Europas bestätigt außerdem: Der „Königsmechanismus“ des Teilens und Herrschens hat seit den Tagen Ludwigs XIV. nichts von seiner Potenz eingebüßt. Parteien und Obrigkeiten bewirtschaften die Konkurrenz um Gunst und Geld von Lobby und Massen rücksichtslos und meisterhaft. Von strategischer Schärfentiefe zeugt diese Art politischen Aktivismus‘ indes nicht: Die allenthalben aufplatzenden ideologisch überdehnten Nähte innerhalb der Gesellschaft werden wohl beschwörend geflickt, vor allem aber unterschätzt.

Was bei den ganzen Bemühungen zur Nationen- und Kontinent-Spalterei übersehen wird: Ihr erstes Opfer war das Individuum. Für den klaglosen Menschen dieser Zeit ist der Spagat Pflicht, Selbstspaltung Kür. Grundlage sind zwei aller heutigen Politik innewohnende Überzeugungen: Der Staat ist nicht nur ein reiner und in seiner Ausdehnung zu beschränkender Zweckverband im Dienst der Bürger, sondern eine Institution der Moral. Und: Alles aufgrund dieses Glaubens Organisierte ist besser als über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte Gewachsenes. Der Moloch in Brüssel ist lediglich die konsequente Weiterführung dieser auf nationaler Ebene längst dominierenden Überzeugung. Das Resultat ist eine Ablass-Politik, ein Religionsersatz, der in seinem inquisitorischen Willen zur Durchsetzung den Kirchen des Mittelalters in nichts nachsteht. Ex cathedra wird verkündet, Friede, Solidarität und Wohlstand seien ausschließlich von oben und durch Neudeutung von Tatsachen und Begrifflichkeiten im Sinn des angestrebten Ergebnisses organisierbar.

So wird eine hausgemachte Gläubigerkrise zur kontinentalen Schuldenkrise erklärt. Unterwerfung zu Offenheit umgedeutet, Unterdrückung zu Sicherheit, Souveränität zu Abschottung. Tradition wird zu Reaktion, Ignoranz zu Solidarität, Raub zu Gerechtigkeit, Rechtsbruch zu Alternativlosigkeit, Freiheit zur Gefährdung, Spaltung zu Frieden, Enteignung zu Wohlstand, Korporatismus zu Kapitalismus, Geschlecht zur Rückständigkeit, Familie zur Brutstätte allen Übels. Verwässerung ist Werterhalt, Schulden sind Investitionen, Versagen ist Reformwille, Verantwortungslosigkeit ist Opfertum, Bestechung ist Demokratie.

Was ist zu tun gegen die zur Politik umgedeutete Ideologie? Wie sich befreien vom verordneten Irrsinn? Denn was für das oben zitierte Haus gilt, gilt ebenso für den Menschen: Der Mensch, der in sich uneins ist, wird keinen Bestand haben. Der in sich geteilte Mensch ist krank wie das System, das die Teilung zum Selbsterhalt fordert. Krankheit überlebt nicht. Die Chance: Krankheit bedeutet Schwäche. Die Schwachstelle allen aktuellen Regierens liegt in dem, was es mittels immer groteskerer Events und passender Sentimentalitäten als nicht vorhanden zu erklären versucht: das Überlieferte, das Wissen um das naturgemäß Richtige, das mit einem unterirdischen Wasserlauf verglichen werden kann. Alle Politik zielt darauf ab, ihn zuzuschütten, zu übertönen und wenn möglich zum Versiegen zu bringen. Trotzdem ist er noch da.

Jeder hat die Wahl: Ohren verstopfen, Augen verbinden, Profil oder Restprofil abschleifen und mitsingen: die Hymne der Forderer auf fremder Menschen Kosten, der Verantwortung des Nächsten, der Fairness der anderen. Zerrissen und am Ende mit großer Wahrscheinlichkeit gebrochen. Bestimmt aber verbittert. Oder aber man hört auf, geteilt zu sein, blendet den Lärm aus, hört hin und besinnt sich auf das ursprünglich intakte Ganze, das man ist. Einfach so. Von Geburt an. Geschenkt. Man prüft, anstatt zu glauben. Die Werkzeuge dazu stehen jedem zur Verfügung: die Vernunft, der Verstand, das Wissen um das, was richtig ist. Und dann tut man. Bewirkt. Verändert. Auch wenn’s nur vor der eigenen Haustür geschieht. Mit Rückgrat wischt’s sich besser als ohne. Aufrechter in jedem Fall.

Natürlich schafft ein intaktes Rückgrat keinen Frieden. Im Gegenteil: Reden ist Risiko. Echtheit bedeutet oft Einsamkeit. Aber für jenen, der den ideologischen Ballast des Diktierten abwirft, schafft es Freiheit. Und die Chancen sind groß, dass, wer sie einmal für sich entdeckt hat, in ihrer tätigen Ausübung nicht eingeschränkt, sondern in Ruhe gelassen werden will und dies um seiner selbst willen auch anderen zugesteht. Das ist der individuelle Boden, auf dem echtes Miteinander gedeiht; Respekt, Anteilnahme, Profit, Karitas. Kurz: Frieden.

Im Gegensatz dazu kann und will das geteilte und teilende „Haus“ der Politik ihn weder heute garantieren, noch morgen neu erschaffen. Und in Anbetracht der politischen Landschaften Europas ist „ganz das eine oder ganz das andere“ das Letzte, was man sich wünscht. In dieser Sicht der Dinge ist ein „Einstürzen“ durchaus positiv zu werten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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