10. August 2016

RezensionMarlis Thiel: Der Kaufmann und der Dichter

Roman

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Wer sich mit dem Arzt und Dichter Gottfried Benn (1886-1956) beschäftigt, wird unweigerlich auf den Namen „Friedrich Wilhelm Oelze“ stoßen. Fast ein Vierteljahrhundert lang, von Ende 1932 bis zu Benns Tod 1956, standen der Bremer Importkaufmann Oelze (1891-1978) und der Dichter in brieflichem Kontakt. Der umfangreiche Briefwechsel der beiden stellt seit Jahrzehnten eine wichtige Quelle für die Benn-Forschung dar. Während der Name des Kaufmanns die Fußnotenapparate füllt, ist sein Träger immer im Hintergrund geblieben. Eine kleine biographische Arbeit aus dem Jahr 2001, „Herr Oelze aus Bremen“ von Hans Dieter Schäfer, brachte der Fachwelt zwar einige Aufklärung, mit „Der Kaufmann und der Dichter“ bringt Marlis Thiel die ungewöhnliche Brieffreundschaft zweier ungewöhnlicher Individuen aber nun auch einem breiteren Publikum nahe. Dabei handelt es sich nicht um eine biographische Abhandlung, sondern um ein fiktionales Werk, laut Verlag gar um einen „Roman“. Die Autorin hat versucht, sich in die beiden Briefschreiber einzufühlen und ihre Beziehung zueinander nachzuvollziehen. Wo die vorhandenen Quellen sie im Stich ließen, hat sie auf die Fiktion zurückgegriffen. Das Ergebnis kann als gelungen bezeichnet werden, vor allem in Hinblick auf Oelze, seine Verehrung des Dichters, die Enttäuschungen, die dieser ihm teilweise bereitet hat, und die Beziehung des Kaufmanns zu seiner Heimatstadt Bremen. Leider enthält der Text ein paar inhaltliche Fehler, die sich nicht mit seiner Fiktionalität entschuldigen lassen: Helmut Schmidt erscheint als Kanzler der Großen Koalition, es ist von den „Ratten aus dem Gedicht ‚Kleine Aster‘“ die Rede (in diesem frühen Stück Benns kommen keine Ratten vor, die Autorin hat es offenbar mit „Schöne Jugend“ verwechselt), und der staunende Leser erfährt, dass Benns Werke „sogar ins Belgische“ übersetzt sind. Wirklich schade sind aber die vielen Fehler in Rechtschreibung und Zeichensetzung. Eine überarbeitete Neuauflage wäre auch deshalb wünschenswert.


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Ulrich Wille

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