09. August 2016

RezensionNiall Ferguson: Der Westen und der Rest der Welt

Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen

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Dem Harvard-Historiker Ferguson ist ein großer Wurf gelungen! Die Analyse des Siegeszuges, den die westliche Kultur zwischen 1500 und heute antrat, sollte Pflichtlektüre im Geschichtsstudium werden. Eine Grundannahme Fergusons lautet: Die vom Westen unterworfenen Zivilisationen waren nicht in der Lage gewesen, die Lebensbedingungen ihrer Bevölkerung dauerhaft zu verbessern. Nicht zufällig war es das zersplitterte Mittel- und Westeuropa, das in einer Konkurrenzsituation Innovationen zum Durchbruch verhalf, während zeitgleich „die monolithischen Reiche in den Ebenen Ostasiens“ diese Neuerungen unterdrückten. Sechs „Killer-Applikationen“, die einander bestärkten, waren laut Ferguson die Zutaten, die das Erfolgsrezept ausmachten. Wirtschaftlicher und politischer Wettbewerb, rationale Methoden der Wissenschaft, Rechtsstaatlichkeit als Garantie des Privateigentums, Erhöhung der Lebenserwartung durch medizinischen Fortschritt, die Etablierung einer Konsumgesellschaft als Voraussetzung für die Industrialisierung sowie eine Arbeitseinstellung, die auf der protestantischen Arbeitsethik beruhte, seien der Treibsatz gewesen, der die europäische Expansion vorantrieb. Deutlich benennt Ferguson den Klammergriff der Religion als wesentlichen Grund für eine ausbleibende wissenschaftliche Revolution in der islamischen Welt. Doch selbst beim Versuch des Wissenstransfers stelle sich die Frage: „Darf eine nicht-westliche Macht wirklich hoffen, dass sie vom Herunterladen westlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse profitieren kann, ohne auch jenen anderen zentralen Bestandteil der Erfolgsformel des Westens zu übernehmen“, nämlich Demokratie und Rechtsstaatlichkeit? In der US-Verfassung von 1787, „dem beeindruckendsten Dokument über den Aufbau politischer Institutionen in der Menschheitsgeschichte“, manifestiere sich diese institutionelle Voraussetzung, die George Washington eben größeren Erfolg bescherte als Simon Bolívar in Südamerika. In der Verbindung von Massenkonsum und Individualismus sieht Ferguson „eines der raffiniertesten Kunststücke, die die westliche Kultur jemals vollbrachte“, und veranschaulicht dies am Beispiel der Jeanshose. Wer in diesem Zusammenhang eine stupende Erklärung für das Scheitern des Sowjetkommunismus auf einer einzigen Buchseite sucht, wird auf Seite 371 fündig! Nicht zuletzt würdigt Ferguson die Rolle des Christentums: „Der vielleicht größte Beitrag der Religion zur Geschichte der westlichen Zivilisation war, dass der Protestantismus den Westen nicht nur arbeiten, sondern auch sparen und lesen lehrte.“ Mit bangem Blick sieht der Autor in die Zukunft: „Vielleicht ist die schlimmste Bedrohung des Westens ja gar nicht der radikale Islamismus oder eine andere von außen kommende Kraft, sondern unser eigenes mangelndes Verständnis für und fehlendes Vertrauen in unser eigenes kulturelles Erbe.“ Die Belege, die er anführt, sind erdrückend: leere Kirchen, irrationale Finanzprodukte und Gier-Banker, Verletzung der Eigentumsrechte gerade durch maßlose Regierungen, die sich an Einkommen und Vermögen ihrer Bürger schadlos halten und dieses Geld dann veruntreuen, Esoterik und eine Kultur des Relativismus, in der jede noch so sonderbare Meinung achselzuckend hingenommen wird. Für die Zukunft malt Ferguson verschiedene Szenarien aus: ein schnelles Ende der westlichen Hegemonie, abgelöst durch die dynamischen und sich der Killer-Applikationen bedienenden Mächte aus Fernost wie China, wenn diese mehr konsumieren, mehr importieren, mehr im Ausland investieren und mehr Innovation fördern; oder aber eine Rückbesinnung des Westens auf seine ehemaligen Stärken wie etwa das Bildungswesen und daraus resultierend bahnbrechende Zukunftsinnovationen. Welchen Weg er für wahrscheinlicher hält, liegt angesichts des Verweises auf die unkontrollierbar scheinende Finanzkrise des Westens und die demographische Sackgasse, in die dieser sich manövriert hat, auf der Hand.


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