08. August 2016

RezensionHans Mathias Kepplinger: Die Mechanismen der Skandalisierung

Zu Guttenberg, Kachelmann, Sarrazin & Co.

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Es spricht nur für die ausgesprochene Aktualität des Buchs, dass es bei seinem Erscheinen bereits von den Ereignissen überholt ist: Die Causa Wulff, die Anfang 2012 Deutschland in Atem hielt, findet in Kepplingers zeitgleich erscheinender aktualisierter Neuausgabe seines Klassikers von 2001 noch keine Erwähnung. Sonst jedoch fehlt kaum ein Skandal der letzten Jahrzehnte: von der Brent Spar bis zu Karl-Theodor zu Guttenberg, von Christoph Daum bis zu Thilo Sarrazin spürt der Autor, emeritierter Professor für Kommunikationswissenschaften an der Uni Mainz, kenntnis- und quellenreich den Mechanismen nach, die von einem Missstand zum Skandal führen – oder eben auch nicht. Bemerkenswert ist dabei seine Grundthese: Die Größe eines Missstands hat nichts zu tun mit der Größe des resultierenden Skandals. Der Erfolg der Skandalisierung hängt vielmehr von vielen komplexen Faktoren ab. Entscheidend ist dabei insbesondere die Frühphase des Skandals: Reagieren die skandalisierten Personen beziehungsweise Institutionen ungeschickt oder unglaubwürdig, bilden sich in den Medien schnell einheitliche Interpretationsschemata, gegen die später kaum mehr anzukommen ist. Der totalitäre Charakter des Skandals, der auf absolute Deutungshoheit und Ausschaltung von Alternativmeinungen zielt, wird hier offenkundig. Bemerkenswert auch die Analyse des Verhaltens der Skandalisierten: Während sie sich den Angriffen anfangs meist gut widersetzen, verstärkt sich durch die einheitliche Front der Feinde der psychische Druck im Laufe der Zeit so sehr, dass sie schließlich die Flucht nach vorn ergreifen und genau das tun, was die Skandalisierer von ihnen verlangen: etwa die Brent Spar an Land entsorgen oder die Haarprobe zum Drogentest einreichen. Damit haben sie in der öffentlichen Wahrnehmung, ob zutreffend oder nicht, ihre Schuld eingestanden. Im schlimmsten Fall, so bei Barschel und Möllemann, ende die Skandalisierung im Selbstmord. Gewinner hingegen gebe es regelmäßig nur einen: die Medien.


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Martin Johannes Grannenfeld

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