05. August 2016

RezensionWolfgang Pohrt: Kapitalismus Forever

Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam

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„Ich liebe Zyniker, weil sie die Heuchler brüskieren“ – das ist das Motto des Sozialwissenschaftlers und Publizisten Wolfgang Pohrt, dem „Enfant terrible“ der deutschen Linken. Er kennt seine Pappenheimer ganz gut, umso treffsicherer gerät seine flinke Abrechnung mit den Lebenslügen einer Generation Linker, die noch immer glaubt, die Weltrevolution zu betreiben, aber in Wirklichkeit nur noch ihre egoistischen spießigen Interessen – nicht selten im Beamtenstatus – vertritt. Er nennt dies „Alterseitelkeit“ als Dekadenzphänomen einer vergreisenden Gesellschaft oder „Besitzstandswahrung im Altenheim“. Manche Aussagen Pohrts sind in Stein gemeißelt und können auf maßgebliche Entwicklungen in der Politik, aber auch im Bildungssektor bezogen werden, etwa: „Eliminierung von Inhalten und Technokratisierung gehen Hand in Hand.“ Dabei sieht er jene am Werk, „die gern selbst nach oben kommen und deshalb das Establishment abservieren wollen“. Kein gutes Haar lässt er an den Marxisten, für ihn Unbelehrbare: „Ich verstehe es bis heute nicht, wie man freiwillig Lenin lesen kann, von Mao Tse-tung ganz zu schweigen. Lieber das Telefonbuch.“ Recht leichtfertig indes geht Pohrt mit der exorbitanten Staatsverschuldung um: „Was kann den Kindern besseres passieren, als in einem Land aufzuwachsen, das sich, und sei es auf Kredit, gutes Essen, gute medizinische Versorgung und gute Schulen für die Kleinen gönnt.“ Das ist genauso naiv wie seine Verharmlosung des Islamismus. Einleuchtender sein messerscharfer Blick auf die Verlogenheit der Linken, ihre nationale Lesart des Sozialismus: Der Kapitalismus „praktiziert den Internationalismus, von dem die Sozialisten immer nur in ihren Sonntagsreden geschwafelt haben.“ Ansonsten verkaufe der deutsche Arbeiter, zum Beispiel der „Opelaner“, seine Sozi-Seele an das Kapital, um seinen Job zu sichern, wenn möglich mit Lohnverzicht und unbezahlter Mehrarbeit. Lauter Lebenslügen.


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