02. August 2016

Medialer Umgang mit Anschlägen Mordende Opfer

Hochkonjunktur für die Attentats-Versteher

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Bildquelle: shutterstock Attentäter: Gestörte Opfer?

Eine Woche haben wir ohne großen Anschlag hinter uns gebracht. Nach einer Serie furchtbarer Attentate innerhalb weniger Tage ist trügerische Ruhe eingekehrt. Doch die Angst bleibt. Zu sehr ist auch dem Letzten klar geworden, dass selbst im kleinsten Nest hinter den Hecken gerade jetzt jemand darauf warten könnte, seinen IS-Befehl zu bekommen. Denn genau das ist die Nachricht der Attentäter: Niemand ist mehr sicher. Nirgends. Der islamistische Terror ist in unserem Land angekommen und mit ihm die Attentats-Versteher. Sie sitzen in linksgrünen Organisationen ebenso wie in vielen Nachrichtenredaktionen. Zu ihnen hat sich eine neue Gruppe gesellt, die nun die große Bühne des Terrors für sich entdeckt hat: die Psychologen. Seit Würzburg zeichnen sie akribisch ein Psychogramm jedes einzelnen Attentäters, immer mit dem Ziel, zu belegen, dass die Ursache der grausamen Tat in einer starken psychischen Störung zu suchen sei. Mit fatalen Folgen: Wer psychisch krank ist, den kann man nicht verantwortlich machen für das, was er getan hat. Und die Attentats-Versteher geben sich keine Mühe, zu verbergen, dass genau das ihre Kernbotschaft ist. Sie dürfen darauf vertrauen, dass eine Gesellschaft, die ihre Burn-Outs liebevoll pflegt und in der jede Stimmungsschwankung zur Depression erhoben wird, sich schwer damit tut, ihnen zu widersprechen.

Vier große Attentate in nur sieben Tagen, vier ganz unterschiedlich ausgeführte Taten, doch viermal dauerte es nur wenige Stunden, bis wir erfuhren, dass der Attentäter psychisch gestört war. Die anschließende Berichterstattung kreiste nur noch um diesen Aspekt. Vor allem aber scherte sie sich einen Teufel um die Opfer. Dabei liegt selbst für den Laien auf der Hand, dass einer, der einfach mal so andere Menschen umbringt, nicht ganz richtig im Kopf sein kann. Warum also darüber fachsimpeln? Fasziniert hingen jedoch die Journalisten an den Lippen der Experten für Geisteskrankheiten, die ein vorgeblich detailgetreues Bild der inneren Verfasstheit der Mörder zeichneten. Die fast ausschließliche Fokussierung auf die Psyche der Täter verdrängte viele Fakten. Etwa, dass alle vier einen muslimischen Hintergrund hatten, drei von ihnen gar im Zuge der Merkelschen Willkommensparty erst den Weg zu uns gefunden hatten. Oder, dass es sich in Reutlingen offenbar gar nicht um eine Beziehungstat, sondern einen islamistisch motivierten Anschlag gehandelt hatte. Und auch, dass der Münchner Täter mit vollem Namen „Ali Davoud Sonboly“ hieß, was – anders als „David S.“ – so gar nicht nach einem deutschen Nazi und erst recht nicht nach einem israelischen Massenmörder klingen will. All diese Fakten gingen unter im medialen Tanz um die begeisterndste Psychoanalyse. Weit und breit kein Journalist, der hier weiterrecherchieren wollte.

Es schien in den Tagen nach den Anschlägen stets nur darum zu gehen, das Offensichtliche nicht offensichtlich werden zu lassen. Wie auf dem Höhepunkt der Zuwanderungskrise, wie nach Silvester, so sollte offenbar auch diesmal mit allen journalistischen Mitteln die Wahrheit unterdrückt werden. Doch die Strategie konnte nicht aufgehen und fiel spätestens nach dem Selbstmordattentat von Ansbach in sich zusammen. Niemand kann jetzt noch behaupten, in Deutschland gebe es keinen islamistischen Terror. Und niemand kann mehr beschwichtigen, dass „Flüchtlinge“ mit dem Terror nichts zu tun hätten. Die völlige Konzentration auf die gestörte Psyche der Täter soll dies verschleiern. Doch die Bürger durchschauen das Spiel: Nur noch acht Prozent glauben, „wir schaffen das“, und satte zwei Drittel wollen Merkel in ihrer Zuwanderungspolitik gleich gar nicht mehr folgen. Nie wäre jemand auf die Idee gekommen, die Psyche eines Rechtsradikalen zu analysieren und damit das Abfackeln eines Asylbewerberheims zu rechtfertigen. Natürlich nicht. Keinem fiele im Traum ein, den Geisteszustand hochkrimineller linker Extremisten zu beleuchten, obwohl dies dringend nötig erscheint. Nur beim Islamismus müssen wir uns gefallen lassen, dass Mörder zu Opfern gemacht werden, weil ihnen ihre Psyche einen bösen Streich gespielt hat. Lassen wir nicht zu, dass wie schon in der Integrationsdebatte Schuld und Verantwortung einmal mehr auf die Gesellschaft abgewälzt werden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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