02. August 2016

RezensionBernd Ziesemer: Karl Marx für jedermann

Der erste Denker der Globalisierung

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Was verbindet den Trierer Philosophen Karl Marx und den Eislebener Theologen Martin Luther? Richtig, beide landeten bei der vom ZDF veranstalteten Wahl zum größten Deutschen aller Zeiten auf dem Siegertreppchen, beide machten aus ihrem Antijudaismus keinen Hehl, und beide versinnbildlichen eine sozialrevolutionäre Romantik, obgleich sie die ihnen untergeschobene Zielklientel – Luther die Bauern und Marx die Arbeiter – zutiefst verachteten. Einen bedeutsamen Unterschied gibt es dennoch: Was der eine beständig an Jüngern verliert, gewinnt der andere aktuell hinzu – die Finanz- und Wirtschaftskrise macht es möglich. Höchste Zeit also, sich mit Leben und Werk des rauschebärtigen Revolutionstheoretikers in seinen Grundzügen auseinanderzusetzen. Als vorzügliches Einstiegswerk hierfür eignet sich das aktuelle Buch Bernd Ziesemers. Wie alle bisherigen Porträts einflussreicher ökonomischer Denker in dieser „Jedermann-Reihe“ erfolgt auch im jüngsten Band die bewährte, ausgewogene Gliederung in einen biographischen sowie einen bibliographischen Teil. Nicht zuletzt dank der langjährigen Erfahrung als Wirtschaftsjournalist weiß der Autor beide Teile spannend, interessant und verständlich zu gestalten. Ziesemer skizziert den privaten wie beruflichen Werdegang des Hegel-Schülers in seiner ganzen leibhaftig dialektischen Zerrissenheit als liebender und vernachlässigender Vater, als Polemiker, Scholastiker, Romantiker und Materialist zugleich, als politischer Sozialist und privater Bourgeois sowie Salonrevolutionär und Leibrentier zwischen Bibliothek und Pfandhaus, dem „Kapital“ und unzähligen Bettelbriefen. Was bleibt nach mannigfaltig widerlegter Arbeits- und Mehrwertlehre, Gesetz der fallenden Profitrate, Revolutionstheorie und kommunistischem Traum? Der Ausgangspunkt seiner Hassliebe, die wohl wortgewaltigste Beschreibung des ersten neuzeitlichen Globalisierungsschubes in Fortsetzung des durch Goethe lyrisch verewigten Faustschen Dramas.

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