02. August 2016

RezensionUrsula Timea Rossel: Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz

Roman

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Einen überbordenden und erfreulich mainstreamfernen Debütroman hat die 1975 geborene Schweizer Schriftstellerin da vorgelegt. Einen „Quantenroman“, dessen Initialzündung die Öffnung der Kiste mit Schrödingers Katze ist – wodurch jedoch keineswegs, wie die Theorie es fordert, die paradoxe Quantenüberlagerung von lebender und toter Katze zusammenbricht. Vielmehr ergießt sich die Quantenrealität, in der Widersprüchliches gleichzeitig existieren kann, plötzlich in die makroskopische Welt. In der Folge wird der Leser durch Raum und Zeit gewirbelt, von der Völkerwanderungszeit ins Jahr 2034 und wieder ins Spätmittelalter, von mittelamerikanischen Guerillakämpfern zu tibetanischen Sherpas und immer wieder in eine Schweizer Kleinstadt, wo die beiden Protagonisten, der unpünktliche Kartograph Wigand und die unordentliche Zeitreisende Sibylle, sich kennen- und liebenlernen. Rossels vielschichtige, collagierte und stets ironische Schreibweise erschafft einen surrealen Kosmos, der eigengesetzlich funktioniert und angenehm wenig mit dem Alltag zu tun hat. Die Kehrseite ist, dass es in all dem bunten Flirren nur selten zu emotionaler Tiefe kommt. Da kann der jugendliche Antiheld Wigand einen Selbstmordversuch begehen und Großvater wie Schulfreund bei Unfällen verlieren, es bleibt für den Leser auf comichafte Weise belanglos. Im Gegenzug funktioniert die Erzählung desto besser, je mehr sie sich von Realität und Psychologie entfernt. Und wenn dann die glücklichen Haremssklavinnen am Hof des Scheinemirs Idris, der sein Geld mit dem Export von Nächten verdient (869 hat er noch im Lager), plötzlich doch mit unserer Realität konfrontiert werden und fürchten, Amnesty International könne auf sie aufmerksam werden und sie ihrem Glück entreißen, dann merkt man, wie relativ all unsere vermeintlichen Selbstverständlichkeiten sind. Und dass Schrödingers Katze womöglich mehr von der Wirklichkeit weiß, als wir glauben möchten.


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Martin Johannes Grannenfeld

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