01. August 2016

RezensionErnst Nolte: Italienische Schriften

Europa – Geschichtsdenken – Islam und Islamismus

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Anfang des Jahres erschien im „Spiegel“ eine besondere „Würdigung“ Ernst Noltes, der am 11. Januar seinen 90. Geburtstag feierte. Für Georg Diez ist Nolte „ein seltsam unfreundlicher Denker, ein Oberlehrer und Besessener, ein BRD-Baudenkmal ganz anderer Art“, kurz: „alles an Nolte ist im Grunde unangenehm, vor allem sein Geraune, sein Gebohre und sein Man-wird-doch-noch-mal-sagen-dürfen. Nolte dengelte damals [während des Historikerstreits] rhetorisch einfach so lange auf einem Wehrmachts-Stahlhelm herum, bis daraus eine Russenkappe wurde.“ Ein solches Urteil kommt dabei heraus, wenn ein bornierter Vertreter eines „Qualitätsmediums“ an die Grenzen seines Intellekts und seiner Formulierungskunst stößt. In Noltes Aufsätzen und Interviews aus den Jahren 1997 bis 2008 begegnen dem Leser in konzentrierter Form und brillanter Sprache Denkanstöße, die aus der politisch korrekten Zeit gefallen zu sein scheinen. Ob zur Frage nach der europäischen Identität, die er in dem „liberalen System“ begründet sieht, das schon im Mittelalter durch den Antagonismus von Papsttum und Kaisertum angelegt wurde; ob zum Vermächtnis des Liberalismus, zu dem er die Erkenntnis zählt: „Nur in den Lücken oder Spalten zwischen Kirchen und Staaten entfalten sich autonome Wissenschaft sowie Kritik und Selbstkritik“; ob zur „Herausforderung des Islamismus“, die er jenseits aller ideologischen Fragen als demographische Herausforderung betrachtet – auf wenigen Seiten stellt er aktuelle Fragen in den Kontext der europäischen Geschichte von der Antike bis zur Gegenwart. Dabei hat Nolte stets den Fixpunkt im Blick, dem sein Denken verhaftet ist: die Verteidigung des Liberalismus gegenüber dem Totalitarismus. Der „Umriss einer intellektuellen Autobiographie“ am Ende des Bandes ist als Vermächtnis eines großen Historikers zu verstehen, der anders als die medial hofierten Staatshistoriker seiner ganz eigenen Überzeugung treu blieb: politisch nicht korrekt, aber intellektuell herausfordernd.


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