28. Juli 2016

RezensionTeresa Präauer: Für den Herrscher aus Übersee

Roman

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In den letzten Jahren hat die deutsche Literatur fest geschlafen; das mag nichts heißen, sie hat auch im 19. Jahrhundert eine Zeitlang geschnarcht, als ein gewisser Spielhagen weltberühmte Berlin-Romane verfasste und die Lyrik mit Fontane am schlaffen Schnarchzäpfchen fast erstickte. Jetzt ist auch so eine Zeit; alle Überweisungen aller Landesregierungen und Kulturstiftungen ändern da nichts daran. Wir müssen uns also mit literatursoziologischen Betrachtungen begnügen, die wir genauso gut aus einer libertären Perspektive anstellen dürfen, zumal man die hellwachen Autoren unserer Zeit durchaus mit öffentlichen Mitteln finanziert, die irgendwelche Deppen mit ihren Steuern auf irgend eine Weise aufzubringen haben, ohne dass man sie fragt. Die österreichische Mittdreißigerin Teresa Präauer gibt uns mit ihrem Debütroman Gelegenheit für eine solche Analyse der Zahlungsströme im Tiefschlaf der deutschen Literatur. Diese Jungautorin legt also einen Roman vor, der knapp 140 locker formatierte Seiten lang ist; er enthält so viel Text wie die Gebrauchsanleitung eines Staubsaugers, wofür am Buchmarkt 16,90 Euro verlangt werden sollen. Hinter dieser Publikation steht die Idee staatlicher beziehungsweise indirekt öffentlicher Regulierung und Subventionierung von Literatur: Die Salzburger Landesregierung schreibt 2007 ein „neuartiges“ Stipendium aus, das ganzheitlich funktionieren soll; man ist sichtlich stolz auf diese Form der staatlichen Literaturförderung, weil hier eine Buchproduktion von der Idee über den Schreibprozess, das begleitende Lektorat durch Profis des Literaturbetriebs und die Vermittlung eines Verlages bis hin zur Buchproduktion entweder vollfinanziert oder zumindest stark gefördert werden soll. Das Stipendium wird vergeben; es werden Fotos der Autorin mit Mitgliedern der Landesregierung aufgenommen, die nach zahlreichen Kulturskandalen endlich ein wenig positives Renommee brauchen. Der Verlag veröffentlicht das Buch und gegenfinanziert die Verluste daraus augenscheinlich durch Einnahmen aus vergangenheitsbewältigender Literatur zum Dritten Reich, die massenhaft an Schulen und öffentliche Institutionen verkauft wird. Das Ergebnis, der Text selbst, ist ein Kinderbuch für Erwachsene. In den ersten Rezensionen dazu ist vom „Reich der Phantasie“ die Rede, von einer Autorin, in die man sich sofort zu verlieben hätte. Die Sprache ist auf verblüffende Weise, ja auf entwaffnende Weise kunstgewerblich und prätentiös. Geschildert werden Kinderträume, und zwar auf jene Weise, auf die sich längst Erwachsene, die nicht erwachsen werden und ihr eigenes Geld verdienen wollen, Kinderträume vorstellen wollen, sofern sie damit bei einem Lektor durchdringen wollen, der vom Staat direkt oder indirekt bezahlt wird. Schon im letzten Jahr waren Rezensenten ratlos, wie sie sich das Erscheinen eines hübschen und witzigen Buches von Wolf Haas erklären sollten, das mit Illustrationen der begabten Autorin versehen war. Es hieß dann, dass man irgendwem einen Gefallen getan hätte. Auch in diesem Fall muss ein männlicher Literaturbegeisterter blind vor Liebe gewesen sein; es kommen Sätze vor wie: „Es ist der Daumen des Bruders, der die Postkarte mit der Fliegerin und ihrem Autogramm in seiner Hand hält. Wir betrachten sie jetzt wortlos und kleben sie an die Wand, ohne die beschriftete Rückseite zu beachten.“ Die Frau Lehrerin, die uns hier anschafft, die Schnauze zu halten und etwas an die Wand zu picken, wie der Österreicher sagt, spinnt ihre Fabel von kleinen Kindern und einem imaginären Herrscher in Übersee dann so lange weiter, bis den Kindern das Erwachsensein dämmert. Und was kommt dann? Dann denken die Kinder über den Herrscher nach, ohne ihre Träume zu vergessen, und wenden sich der Demokratie zu, obwohl das auch nicht ganz direkt, sondern ein wenig prätentiös ausgesprochen wird. Zahlungsströme im Zeitalter des Tiefschlafs deutscher Literatur! Mund auf, Augen zu, Überweisung los und in die großen Augen einer impotenten Kunst gestarrt.


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Dossier: Literatur

Autor

Lieselotte Rohr

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