28. Juli 2016

Zeitgeist Opfertum als Marketinginstrument Nummer eins

Sind wir wirklich so?

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Bildquelle: 2p2play / Shutterstock.com Opfer: Erstrebenswert?

Hinweis: Der folgende Text ist persönliche Psycho-Hygiene! Ein Gradmesser für die Qualität der natürlichen Umwelt ist die Vielfalt. Je größer die Diversität, desto gesunder der Lebensraum. Im Fall einer Gesellschaft spricht man von „Sozio-Diversität“ – die Existenz vielfältiger Identitäten und Kulturen innerhalb menschlicher Gruppen. Die Gleichmacherei des politisch Korrekten verneint einen Teil dieser Vielfalt und blendet aus, dass Ungleichheit apriorischer Teil eines gesunden Gesellschaftssystems ist. Wo wir stehen, wissen wir ausschließlich im internen Vergleich.

Die beiden größten „Erfolge“ von politischer Korrektheit sind erstens die breite Akzeptanz des Glaubens, dass Ungleichheit schlecht ist und zweitens, dass das zu erstrebende Optimum das Mittelmaß sei. Spitzenleistungen – egal in welchem Bereich – sind suspekt. Auf der Strecke bleiben ist Lebenserfolg.

Der Mensch ist von Natur aus Opportunist. Instinktiv passt sich jedes Kind zum eigenen Besten an die jeweilige Situation und Lage an. Es ist die Aufgabe der Eltern, die Kinder mittels Appell an deren Vernunft und Verstand und durch oft aufreibenden Kampf – auch Erziehung genannt – aus dem Verharren aus dieser rein selbstischen Haltung herauszuholen. Ihnen das Prinzip der eigenen Positionierung und Verortung innerhalb der Gesellschaft und die Möglichkeiten zur Veränderung der persönlichen Position beizubringen. Die Freiheit zur Wahl und deren Konsequenzen. Egal auf welcher sozialen Stufe.

Ein weiterer großer Erfolg von politischer Korrektheit ist es, dieses Prinzip der individuellen Freiheit und Verantwortung (das eine ist ohne das andere nicht zu haben) mit dem Kampfbegriff „Mehr Freiheit!“ zu untergraben. Und es ist die wertemäßige Bankrotterklärung einer Gesellschaft, dass sie dieses Untergraben zugunsten der eigenen Bequemlichkeit zugelassen hat.

Das Resultat ist eine Gesellschaft des angebeteten Mittelmaßes, die nicht mehr der Stärke, der Freiheit, der Schönheit, dem Erfolg durch Leistung oder der ungesehenen Nächstenhilfe huldigt, sondern dem Versagen. Der Grad des Anspruchs auf Geld, Aufmerksamkeit, Erfolg oder andere Arten der Zuwendung leitet sich nicht mehr aus einer persönlichen Leistung, sondern nur noch aus der Nähe zum echten oder konstruierten Opfertum ab. Optimalerweise ist man selber ein Opfer. Am Leben natürlich.

Wer es also schafft, sich opfermäßig optimal zu vermarkten und an das Selbstmitleid oder Mitleid appellierend zu fordern, der wird gehört. Wer es erreicht, einem psychosozial gebrandrodeten und koordinatenlosen „Wir“ eigenes oder fremdes Leiden einzureden, der hat Anspruch auf Solidarität und die Leistung Dritter.

Und jetzt kommt der Teil, wo ich gerne rufen möchte! Laut schreien: Sind wir das wirklich? Ist dieses „Erfolg-durch-Versagen-Konzept“ die Essenz von Tausenden von Jahren menschlicher Entwicklung? Sind wir wirklich zu vergleichen mit den blauschillernden ekelerregend surrenden Fliegen, die auf Scheiße leben? Und noch lauter: Nein! Wir sind keine Opfer! Solange 99 Prozent von uns fast in jedem Lebensbereich eine Wahl haben, sind wir nicht diese gram- und obrigkeitsgeplätteten Opfer. Wir sind frei. Aber wir müssen dringend weg von der Haltung, es vorzuziehen, uns die Haare abzufackeln, als Verantwortung zu übernehmen. Weg vom gnadenlosen Instrumentalisieren jedweder Situation und Position zur Vermarktung des eigenen Opfertums. Denn das ist die gängige Praxis heute – egal, welcher politischen Couleur, welchen Berufs und mit welchem Ziel. Opfermarketing als Erfolgsgarant.

Nein: Kindergeld ist kein Menschenrecht. Frühförderung ist kein Menschenrecht. Ein Facebook-Account ist kein Menschenrecht. Erfolg ist kein Menschenrecht. Soziale Teilhabe ist kein Menschenrecht. All dies und vieles mehr erfodert, um es zu erreichen, Leistung, persönlichen Einsatz. Die Cojones, dafür notfalls Opfer zu bringen, zu leiden, zu verzichten und ansonsten die Klappe zu halten und klaglos im Mittelmaß oder darunter zu verharren. Das ist meine unverzerrte ungeschützte Wahrheit und nicht das kathartische, dauer-posttraumatische und hysterische Steckenbleiben im Leiden an der leistungslos gestrandeten Existenz. Habe fertig.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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Dossier: Politische Korrektheit

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