27. Juli 2016

RezensionRahim Taghizadegan: Helden, Schurken, Visionäre

Entrepreneure waren gestern, jetzt kommen die Contrepreneure

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Der auf dem Boden der Wiener Schule stehende Privatgelehrte, Wirtschaftsphilosoph und Unternehmer Rahim Taghizadegan legt mit diesem Band eine Arbeit vor, die sich der Geschichte, dem Wesen und der Zukunft des Unternehmertums widmet. Das ist insofern ein verdienstvolles Unterfangen, als die herrschende Wirtschaftstheorie der Figur des Unternehmers keinerlei Aufmerksamkeit schenkt. Sie beschäftigt sich ausschließlich mit blutleeren Modellen, nicht aber mit dem Unternehmer, der für jede arbeitsteilige Wirtschaft von größter Bedeutung ist. Der Autor legt, wie in all seinen Schriften, großen Wert auf Herkunft und ursprüngliche Bedeutung von Begriffen. Das Wort „Unternehmer“ ist relativ jung. Die ersten Persönlichkeiten, auf die diese Bezeichnung zutrifft, haben allesamt mit militärischen Belangen zu tun – sei es als Söldnerführer im Auftrag von Fürsten oder als Organisator des Baus von Verteidigungsanlagen. Der notwendige Kontakt zu zahlungskräftigen Kunden bedeutet schon damals zugleich die Nähe zur politischen Macht, woran sich in einigen Geschäftsfeldern, insbesondere in der Geldwirtschaft, bis heute nichts geändert hat. Der Leser wird mit der für ordentliche Kaufleute der Gegenwart wenig schmeichelhaften Tatsache konfrontiert, dass Unternehmertum in seinen Anfängen gelegentlich schwer von berufsmäßiger Kriminalität zu unterscheiden war – man denke dabei etwa an die Piraterie. Die Ausrüstung von Schiffen zählte zu den ersten unternehmerischen Tätigkeiten. Friedlicher Handel und aggressive Gewaltanwendung gingen nicht selten Hand in Hand. Die Nähe des Unternehmers zum Abenteurertum kann nicht überraschen: Nur wer bereit ist, Wagnisse einzugehen und unbekanntes Territorium zu betreten, kann neue Geschäftsfelder finden und erschließen. Bemerkenswert, wie die Denker verschiedener Zeitalter den Typ des Unternehmers sehen. Taghizadegan zitiert dazu interessante Standpunkte von Thomas Carlyle bis Steve Jobs. Je nach Sicht des Betrachters kommt dabei der Entdecker, der ins geradezu Heldenhafte übersteigerte Führer oder der ausbeuterische Unmensch zum Vorschein. Der Autor weist darauf hin, dass „nicht der Spätkapitalismus, sondern der Früh- oder Vorkapitalismus durch staatsnahe Konzentration geprägt ist“. Der Finanzminister von Ludwig XIV. und „Erfinder“ des Merkantilismus, Colbert, spielt in diesem Sinne eine wichtige Rolle bei der Förderung der Aktiengesellschaften. Privilegien zum Nutzen bestimmter Geschäftsfelder und Industrien sind maßgeblich für den Aufstieg ganzer Unternehmerdynastien – besonders im Bereich der Geldwirtschaft. Der Autor beschreibt den Unternehmer in seinen verschiedenen Rollen als Krieger, Projektemacher und Außenseiter der Gesellschaft. Taghizadegan liefert dabei erhellende Einsichten. In der Folge widmet er sich der Darstellung jener Funktionen, die dem Unternehmer seine herausragende Rolle in einer modernen, arbeitsteiligen Wirtschaft verleihen: als „Risikonehmer“, Innovator, „schöpferischer Zerstörer“, Arbitrageur, Spekulant oder Entdecker künftiger Publikumspräferenzen. Nach Israel Kirzner liegt die Essenz des Unternehmertums in der „überlegten Suche nach Gewinngelegenheiten“. Im letzten Teil widmet sich der Autor dem Unternehmertum in den zunehmend verzerrten Märkten unseres zu Ende gehenden Papiergeldzeitalters. Die Zerstörung des Bandes zwischen unternehmerischer Handlung und Verantwortung, als Folge des Too-big-to-fail-Mantras, führt zu einer dramatischen Veränderung der Voraussetzungen. Enge Beziehungen zu den Machthabern und ein privilegierter Zugang zum Kreditwesen ersetzen immer mehr die Bedeutung bürgerlicher Tugenden oder klassisch unternehmerischer Qualitäten. Der „Contrepreneur“ könnte den dritten Weg zwischen dem auf Macht setzenden und dem sich für seine Ideale aufopfernden Entrepreneur beschreiten.


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