26. Juli 2016

RezensionErnst Jünger: Kriegstagebuch 1914-1918

Zeugnis eines staatlich befohlenen Massenmordes

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Helmuth Kiesel hat durch seine 2007 publizierte Biographie Jüngers die Erwartungen auf die Kriegstagebücher dieses großartigen Schriftstellers enorm gesteigert. Völlig zu Recht. Die literarische Aufarbeitung des peniblen Tagebuchschreibers schließt die Lücke zwischen Jüngers kalter Thanatosverehrung „In Stahlgewittern“ und Remarques weinerlicher Hommage an den Lebenstrieb in „Im Westen nichts Neues“. Beide Bücher werden durch das Tagebuch neu fassbar. Es ist, als würde man drei Bücher lesen oder zumindest zwei davon aus einem neuen Blickwinkel betrachten. Besonders faszinierend ist die stilistische Wandlung vom jungen Pennäler, der aus Abenteuerlust zur Fremdenlegion gegangen war, zum Leutnant und Träger des Pour le Mérite, dem nichts Grauenhaftes mehr fremd ist. Schon in den Aufzeichnungen von 1915 verliert sich jedes Pathos und weicht der Analyse. Dabei verliert sich nie der typische Fokus des Insektenkundlers. Er seziert schon in jungen Jahren meisterhaft seine Umgebung und hat die unvoreingenommene Distanz des Forschers. Überhaupt zeigt sich hier der wirkliche Geist des konservativen Revolutionärs, es wird klar: Keine Uniform der Welt und keine Ideologie konnten die innere Freiheit dieses Literaten trüben oder bezwingen. Besonders pikant scheint mir die Tatsache, dass Ernst Jünger selbst seine Kriegstagebücher niemals veröffentlicht sehen wollte. Zu profan schienen ihm wohl seine Einträge, zu groß ist der Unterschied zu seinem Erfolgswerk und dem Mythos um seine Person, den er selbst tatkräftig befeuerte. Nebenbei ist das Buch ein Zeugnis des staatlich befohlenen Massenmords am eigenen Volk im industriellen Maßstab. Jünger als Person und Künstler zu kritisieren, ist einfach. Aber dieses Ausnahmewerk ist wohl eines der ehrlichsten zum Verhalten und Erleben des Menschen in Ausnahmesituationen und eines der wichtigsten zum Verständnis der Schützengrabengeneration.

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