26. Juli 2016

RezensionHolger Gertz: Das Spiel ist aus

Geschichten über das Verlieren

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Der Sport als einstmals angeblich schönste Nebensache der Welt hat längst seine Unschuld verloren – zumindest dort, wo immer noch mehr Geld im Spiel ist und die Akteure, egal ob Aktive, Funktionäre oder Zuschauer, sich in einer stets weiter steigernden Spirale der Erwartungshaltung wiederfinden. Wo Siegermentalität eingefordert wird, während dem Verlierer nur noch selten Respekt gezollt wird, bringen Momente des Scheiterns ganz andere Charaktereigenschaften zum Vorschein. Diese Einblicke in bittere Momente von Sportlerkarrieren gewährt Holger Gertz. Es sind Kolumnen, die er für die „Süddeutsche Zeitung“ zwischen 1997 und 2015 verfasste. In seinen Texten geht es nicht um in Wohlfühlwolken gehüllten Gefälligkeitsjournalismus. Es geht um die sprachlich geschliffen aufbereitete Bestandsaufnahme von Ereignissen, die Rührendes, aber auch Unappetitliches zutage fördern. Fußball als Ersatzreligion wird erlebbar gemacht, wie in Brasilien bei der WM 2014 und dem aus Gastgebersicht unfassbaren 1:7 im Halbfinale gegen die deutsche Nationalmannschaft. Einfühlsame Porträts über Miroslav Klose und Boris Becker sind dabei, in denen sie fühlbar wird: die Einsamkeit des zum Erfolg Verpflichteten im sportlichen Wettbewerb. Abgründe tun sich auf, Stichwort Doping und Verführbarkeit, kulminierend in der Laufbahn des US-Radprofis Lance Armstrong. „Wer Verlierer sieht, kann mitfühlen, das ist das eine. Das andere ist die Schadenfreude“, benennt Gertz die Achterbahnfahrt innerer Anteilnahme. Im letzten Kapitel schließlich thematisiert der Autor die Ereignisse rund um das Fußball-Länderspiel Frankreich gegen Deutschland im November 2015 in Paris. Die Beklommenheit wird deutlich, mit der Großereignisse des Sports heute oftmals begleitet werden, wenn Sicherheitsmaßnahmen mehr Aufwand und Energie erfordern, als dies noch vor wenigen Jahren denkbar und notwendig schien.


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Manfred Jerzembek

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