17. Juli 2016

Wikipedia über mich Mehr Schein als Sein

Aber dankbar bin ich dennoch

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Bildquelle: eigentümlich frei André F. Lichtschlag: Schurken-Held auf Wikipedia

Neulich war es soweit. Schon länger hatte ich damit gerechnet. Eine Freundin unserer älteren Tochter berichtete ihr stolz und in meinem Beisein: „Ich weiß jetzt auch, was dein Papa macht!“

Schnell bestätigte sich meine Vermutung, die da noch eher eine Befürchtung war: Sie hatte mich „gegoogelt“ und dann bei Wikipedia nachgelesen. Doch jetzt die Überraschung: Sie wurde ganz ehrfürchtig, denn ich sei ja offenbar „gefährlich“ – und das fand sie „total cool“.

Natürlich war ich peinlich berührt. Und ein wenig neugierig, und so habe ich nach langer Zeit mal wieder geschaut, was denn da bei der berüchtigten Wikipedia so über mich zu lesen steht. Damals, 2012, als die hauseigene Mafia unsere Einträge umgeschrieben hat und wir berichteten, haben wir fast nur auf den Eintrag über eigentümlich frei geachtet. Deshalb weiß ich gar nicht, ob auch die Angaben zu meiner Person damals schon noch schräger waren als der gewollt windschiefe Eintrag über das von mir gegründete Magazin.

Nun, ich kam aus dem Lachen gar nicht mehr heraus, als ich gelesen habe, wer ich bin – laut Wikipedia, dem ich jetzt leider gar nichts mehr glauben kann. Aber lesen Sie selbst und staunen Sie mit ...

Der Eintrag beginnt mit folgenden zusammenfassenden Kurzangaben zur Person: „André F. Lichtschlag (*1968 in Grevenbroich) ist ein deutscher Publizist und Verleger. In seinem Verlag Lichtschlag Medien und Werbung KG erscheint die rechtslibertäre Zeitschrift eigentümlich frei, deren Herausgeber und Chefredakteur er ist. Lichtschlag ist Autor der Jungen Freiheit, die als Zentralorgan der Neuen Rechten in Deutschland gilt.“

Der ersten beiden Sätze sind – in Anbetracht von dem, was kommt, ein kleines Wunder – vollkommen in Ordnung. Sogar die Kurzbeschreibung von eigentümlich frei als „rechtslibertär“ ist sicher treffender als der lange, verwirrende Eintrag zur Zeitschrift selbst.

Der dritte Satz ist dafür ein Scherz, denn ich war nur ein paar Mal Gastautor bei der durchaus geschätzten Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (und das letzte Mal ist einige Jahre bereits her). Das war ich aber auch zum Beispiel bei der Tageszeitung „Die Welt“ oder beim Monatsmagazin „Smart Investor“, um nur zwei andere zu nennen. Als Lexikoneintrag führt der Satz nicht nur in die Irre, er ist auch nach allen hauseigenen Kriterien der Wikipedia, die ich mir habe 2012 einmal erklären lassen, unzulässig, weil stark wertend gleich in der Einführung.

Weiter geht es mit meinem „Leben“, ein paar korrekten biographischen Kurzangaben und: „Als Gymnasiast trat er den Jungen Liberalen (JuLis) bei. Nachdem Lichtschlag das Abitur absolviert hatte, wurde er Mitglied der Europäischen Föderalistischen Partei (EFP). Mit Anfang 20 trat er der Freien Demokratischen Partei (FDP) in Grevenbroich bei. Er wechselte zur Rheinlandpartei, in der er zwei Jahre lang Mitglied war. Mit Mitte 20 kehrte Lichtschlag zur FDP zurück. Spätestens seit 2000 gehört er keiner Partei mehr an.“

Leider stimmt daran fast nichts. Ich trat als Schüler nicht den Julis bei, sondern der Jungen Union. Veranstaltungen von EFP und Rheinlandpartei habe ich zwar besucht, aber förmlich Mitglied geworden bin ich meiner Erinnerung nach nicht. Ich hatte das mal so flapsig geschrieben in einem nicht mehr abrufbaren – auch diese Berücksichtigung ist deshalb gegen die hauseigenen Wikipedia-Regeln – kurzen satirischen Beitrag, mehr nicht. Solche Parteimitgliedschaften waren mir in den frühen 20ern doch viel zu formal. Lediglich die kurze FDP-Mitgliedschaft ist unter den Angaben korrekt und mir doch etwas peinlich. Jugendsünden eben.

Übrigens schäme ich mich meines Interesses für EFP und Rheinlandpartei nicht, waren beide doch deutlich liberal und plädierten für kleine politische Einheiten – beides vertrete ich heute noch.

Doch weiter in meinem Leben. Es folgen ein paar mehr oder weniger korrekte, mehr oder weniger belanglose Angaben über Max Stirner, an dem die Wiki-Paten offenbar einen Narren gefressen haben. Dass sich die Max-Stirner-Gesellschaft von mir 2006 distanziert“ hat, ist mir nicht bekannt, wird nicht belegt und ist vermutlich frei erfunden.

Im Eintrag über eigentümlich frei ist der ganz sicher frei erfundene Satz zu finden: „Der Titel war nach Angaben des Herausgebers und Mitbegründers Lichtschlag von Max Stirners Buch ‚Der Einzige und sein Eigentum‘ inspiriert.“ Nö – war er nie. Im Gegenteil, Stirner hätte der Losung „Freiheit durch Eigentum“ nicht zugestimmt.

Dann: „Lichtschlag ist nach eigener Angabe seit 2008 Mitglied in der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft sowie der Property and Freedom Society.“

Datum und Mitgliedschaft sind korrekt, allerdings: „Nach eigenen Angaben“ darf formal nach Wiki-Hausregel gar nicht als Quelle dienen. Ich habe die Angabe gegenüber Wikipedia auch nie gemacht. Beide Mitgliedschaften sind aber bei den jeweiligen Organisationen jederzeit nachprüfbar. Im übrigen war meine Mitgliedschaft bei der Hayek-Gesellschaft sogar Gegenstand einiger Zeitungsartikel nach dem Austritt der damaligen Vorsitzenden Karen Horn, ich bin also in dem Fall so etwas wie ein eher prominentes Mitglied.

Dann aber der nächste ganz große Fauxpas des „Internetlexikons“: „Er ist Herausgeber der Edition Sonderwege, die als Imprint im Manuscriptum-Verlag erscheint.“

Es stimmt, dass die Edition Sonderwege als Imprint im Manuscriptum-Verlag erscheint. Aber ich bin weder ihr Herausgeber, noch habe ich sonst etwas damit zu tun. Ich bin lediglich verantwortlich für die kleine Reihe „Lichtschlag in der Edition Sonderwege“, in der bis heute sieben Bücher erschienen.

Dazu kommt: Ich bin seit 2012 auch Herausgeber der Reihe „Edition Lichtschlag“ im zur Münchner Verlagsgruppe gehörenden Finanzbuchverlag. Darin erschienen bislang elf Titel, was Wikipedia offenbar für weniger wichtig hält und einfach unterschlägt.

Das wird noch getoppt damit, dass unser eigener Buchverlag, in dem seit dem Jahr 2000 bis heute 35 Bücher erschienen sind, komplett biographisch unterschlagen wird. Wichtiger ist wohl, wir sagten es schon, Max Stirner, der Einzige, der zählt.

Die folgenden Kapitel „Politische Positionierung“ und „Rezeption“ sind wie gesagt zum Brüllen, von der humoristischen Qualität wie vom Eintrag über eigentümlich frei bekannt – extrem einseitig ausgewählte Mosaiksteinchen mit typischen Wikipedia-Schoten wie die einer „Satiretruppe“, bei der ich „Praktikant“ gewesen sein soll und einer herbeiphantasierten „Nähe zum Rechtsextremismus“ – ja, ich bin sicher der einzige in dieser nicht justiziablen Scheinkategorie, der alle Drogen legalisieren und alle Schulen kapitalistisch privatisieren will, für freie Einwanderung (bei Wegfall des Sozialstaats) plädiert und Deutschland so toll findet, dass er gleich Tausende davon haben möchte – in der jeweiligen Größe und Struktur Liechtensteins.

Eigentlich ein schöner Schluss. Wenn dann nicht noch von meinen drei erschienenen eigenen Büchern eines „vergessen“ worden wäre. Wikipedia eben, dein Freund und Internetlexikon.

Und mein Freund und Internetlexikon, dem ich bei allen Nicht- und Halbwahrheiten dankbar bin, macht es mich doch zu einem kleinen Schurken-Helden im Freundeskreis meiner großen Tochter.

Internet:

Wikipedia zu meiner Person.

Zur Information die bessere Alternative auf eifrei.de.


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