01. Juli 2016

RezensionWolfgang Pohrt: Das allerletzte Gefecht

Über den universellen Kapitalismus, den Kommunismus als Episode und die Menschheit als Amöbe

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„Ist es schlimm, nach lebenslanger Beschäftigung mit Marx einsehen zu müssen, dass der Kommunismus wohl doch nicht funktionieren wird?“, fragt Wolfgang Pohrt, um sodann die Antwort zu geben. Sie fällt deutlich, vernichtend, polemisch und nicht zuletzt unterhaltsam aus. Hier hat jemand seinen Marx gelesen und lange Jahre mitgewirkt an dem Stoff, aus dem die linken Träume sind, um nun ins allerletzte Gefecht zu ziehen, „und dafür braucht man keine Waffen, sondern einen großen Besen“. Auf knapp 50 Seiten präsentiert der Autor eine der wohl fulminantesten Weltgeschichten in Kurzversion. Vom vergeblichen Vertrauen auf die Kirche („Die Pfaffen hatten uns hereingelegt“) über den Triumph des Kapitalismus („Die Kommunisten versprachen den Menschen materiellen Überfluss für alle, die Kapitalisten erfüllten das Versprechen“) und die marxistischen Beamtenseelen im Westen, „die es in einer Welt ohne Statusunterschiede und Privilegien keine Sekunde aushalten würden“, bis hin zur Kritik der 68er an der heutigen Jugend mit deren Mangel an Subversivität, der doch nur die bittere Wahrheit über die Älteren sei – Pohrt ätzt gegen die Berufsrevoluzzer, die sich und anderen in die Tasche lügen. „War der Sozialismus am Ende auch nur eine Spekulationsblase gewesen?“, fragt er im folgenden Kapitel, um die treuen Marxisten mit geleimten Kleinanlegern auf dem Weg ins Schlaraffenland zu vergleichen – „das waren ein gemeinsames Ziel und zwei verschiedene Wege dorthin. Angekommen ist keiner.“ Aus den letzten beiden Kapiteln seien nur drei Sätze zitiert, die sich doch als Präzisionswaffen entpuppen: „Bei einem ungetesteten neuen Betriebssystem hängen sich schlimmstenfalls die Rechner auf, bei einem ungetesteten neuen Gesellschaftssystem möglicherweise die Menschen.“ – „Krisen sind für den Kapitalismus ein ständiger Begleiter wie Krankheiten für alles, was lebt.“ – „Rückblickend entpuppt sich die Oktoberrevolution als Grundsteinlegung für die Gazprom“ – drei Volltreffer, versenkt!


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