01. Juli 2016

RezensionKarl J. Krauskötter: Der bewegte Beamte

Roman

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Wer einen Beamten in seinem Freundeskreis hat, kennt das: Menschen, die in „Anstalten“ arbeiten, leben in einer Art Paralleluniversum. Alles ist anders: die Sicht auf die Welt, die persönlichen Prioritäten, die Haltung zum Wohlfahrtsstaat. Karl Joseph Krauskötter scheint selbst aus dieser Beamtenwelt zu kommen und hat sich trotzdem einen halbwegs nüchternen Blick auf sein heiles Beamtenuniversum erhalten. Akribisch beschreibt er den Werdegang des Regierungsrats Volker Battler, der in der Bewegungsverwaltung eines fiktiven deutschen Bundeslandes arbeitet. Auf 224 Seiten schildert er die wichtigsten Positionen seiner fast 40-jährigen Beamtenkarriere. Die Bewegungsverwaltung, in der Battler seinen Dienst unter anderem verrichtet, regelt das private, berufliche und öffentliche Bewegungsverhalten der Bevölkerung. Es werden Mindest-, Höchst- und Durchschnittsbewegungen festgesetzt und Bußgelder erteilt. In dieser bedeutsamen Institution des deutschen Wohlfahrtsstaates findet Battler seinen Weg durch den Dschungel von Vorschriften, Kommissionen, Geschäftsverteilungsplänen und Beurteilungsgesprächen. Besonders der schädliche Einfluss der Gewerkschaft auf den Arbeitsalltag wird zwischen den Zeilen geschildert. Battler scheitert subjektiv am Dickicht der eigenen Behörde. Besonders skurril: Er ist zwar selbst Rädchen im Getriebe eines langsam arbeitenden Apparats, findet es aber ungeheuer ungerecht, dass eine andere Stelle ein privates Anliegen von ihm sehr zögerlich bearbeitet. Letztlich ist Battler aber Gewinner, weil er über ein quasi arbeitsfreies Einkommen und eine hohe Pension verfügt, ohne dass der Leser das Gefühl hätte, sein Leben hätte einem lohnenden Zweck gedient. Battler hat das auch nicht richtig, schiebt die „Schuld“ dafür aber seinen Vorgesetzten zu. Dass der Apparat an sich das Problem ist, erkennt er naturgemäß nicht. Sonst hätte er es dort nicht so lange ausgehalten. Leider ist Battler ein bisschen zu normal, zu unspektakulär, als dass ihn Nicht-Beamte als heldenhafte Figur akzeptieren könnten.


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