01. Juli 2016

RezensionDavid Graeber: Inside Occupy

Weiter weg von der Realität als jemals zuvor

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Beim Erwerb dieses Buches schloss der Rezensent auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Ein Irrtum. Denn der Autor ist keineswegs von der zeitgeistigen Religion des Antikapitalismus abgefallen, sondern ein von seiner Sache mehr denn je überzeugter Aktivist der Occupy-Wallstreet-Bewegung. Nach eigener Einschätzung ist er Anarchist. Wenn das jemand von sich behauptet, dann handelt es sich gewöhnlich um radikale linke Kollektivisten, die privates Eigentum strikt ablehnen, sofern es das Ausmaß von Leibwäsche, Monatsbinden und Rasierzeug übersteigt. Von einem Mann, der von der Verwerflichkeit der Marktwirtschaft einerseits und der Korruption des politischen Systems der USA andererseits tief überzeugt ist, kann keine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema „Occupy“ erwartet werden. Dafür liefert er hochinteressante Einblicke in die Welt dieser vermeintlich Unterprivilegierten, die sich zu einem, nach anfänglicher Zurückhaltung von den Hauptstrommedien sehr wohlwollend kommentierten, kapitalismusfeindlichen Haufen zusammengefunden haben. Graeber sieht in ihnen eine Mischung aus „klassischen Liberalen“ und einem „bunt zusammengewürfelten Häufchen von Anarchisten und Marxisten“ versammelt. In der Tat scheint Occupy ein recht heterogenes Gemenge von Frustrierten und Zukurzgekommenen zu vereinen, die sich im Wesentlichen durch zwei Affekte verbunden wissen: Neid und den Hass auf „die da oben“. Und das sind in ihrer Wahrnehmung nicht etwa Politbonzen und beamtete Staatsdiener, sondern das „eine Prozent“, dem angeblich fast der gesamte Reichtum der Nation gehört. Menschen also, die ihren Besitz, wenigstens zum größeren Teil, nicht politischen Seilschaften, sondern ihrem Fleiß, ihrer Tüchtigkeit und ihrem wirtschaftlichen Geschick zu verdanken haben. Wenn demnach die Occupy-Bewegten etwas am Staat stört, dann nur, dass es nicht genug von ihm gibt. Dem akademischen Lumpenproletariat kommt bei Occupy eine wesentliche Bedeutung zu. Das ist kaum verwunderlich, da es in den USA „Gratisstudien“ wie in Europa nicht gibt. Folglich haben Studienabsolventen, die sich für Orchideenfächer entschieden haben und keine ihren hochgesteckten Erwartungen entsprechende Anstellung finden, mit der Rückzahlung ihrer Studienkredite naturgemäß große Probleme. Dass jene Geldhäuser, die Studienkredite vergeben haben und nun rigoros auf Rückzahlungen durch die Jungakademiker dringen, im Zuge von „Bankenrettungsaktionen“ mit Steuermitteln gestützt wurden und werden, befördert den Unmut dieser jungen Leute, was zu verstehen ist. Dass es allerdings die hohe Politik war, welche die „Finanzkapitalisten“ erst zu jenen Monstern hochgepäppelt hat, die nun angeblich „too big to fail“ sind und deren Rettung die Schulden der Nation in schwindelerregende Höhen befördert, scheint ihrer und der Aufmerksamkeit des Buchautors entgangen zu sein. Im interessantesten Abschnitt, „Was, zum Teufel, ist Demokratie?“, kommt Graeber zu einigen bemerkenswerten Einsichten, was systembedingte Konstruktionsfehler der Demokratie angeht. Eher ermüdend dagegen fällt jenes Kapitel aus, das sich mit prozessoralen Fragen wie solchen der Organisation und Abwicklung von Zusammenkünften beschäftigt. Endloses, wohlorganisiertes Palaver um des Kaisers Bart scheint auch heute noch schlechthin das sinnstiftende Merkmal „basisdemokratischer“ Organisationen zu sein. Dass der Autor keine Ahnung von der Funktionsweise einer arbeitsteiligen Wirtschaft zu haben scheint, bedarf kaum der Erwähnung. Besonders deutlich wird dieses Wissensdefizit, wenn er wohlwollend einen gewissen Michael Albert vorstellt, der einen detaillierten Plan ausgearbeitet habe, „wie eine moderne Wirtschaft ohne Geld funktionieren könnte“. Die bemerkenswerte Erkenntnis, dass der „Kommunismus ohnehin Fundament jeder einvernehmlichen sozialen Beziehung ist“, beseitigt die letzten Zweifel darüber, wes Geistes Kind hier am Werk ist. Sich weiter von der Realität zu entfernen scheint kaum möglich zu sein.


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