30. Juni 2016

RezensionSigmund Neumann: Permanente Revolution

Totalitarismus im Zeitalter des internationalen Bürgerkriegs

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Das nun in deutscher Sprache vorliegende Werk des Soziologen und Historikers Sigmund Neumann ist insofern bemerkenswert, als es 1942 publiziert wurde, zu einem Zeitpunkt, da noch nicht absehbar war, wie der eskalierende Zweite Weltkrieg weiter ausgehen würde. Dem hierzulande wenig bekannten Autor gebührt Respekt dafür, mit „Permanente Revolution“ als erster eine vergleichende Untersuchung verschiedener Formen des Totalitarismus vorgelegt zu haben. Neumann sieht in den drei untersuchten Fällen, Deutschland, Italien und Sowjetunion, den Ersten Weltkrieg als eine der Hauptursachen – ja geradezu als Bedingung – für den weiteren Weg in den Totalitarismus. Fünf Kernelemente identifiziert der Autor als in jedem der gewählten Beispiele gleichermaßen verwirklicht: Erstens das Versprechen von Sicherheit und Stabilität, zweitens permanente Aktion statt eines konsistenten Programms, drittens eine pseudodemokratische Legitimierung, viertens die Geburt des Totalitarismus als „Kind des Krieges“ und fünftens das Führerprinzip. „Das erste Ziel des Totalitarismus ist es, die Revolution zu verewigen und zu institutionalisieren“, schreibt Neumann einleitend. Der Institutionalisierung bedarf es, da ein klares Ziel – abseits von vagen Verheißungen, alles besser zu machen – fehlt. Aktionismus wird zum Ersatz für ein Programm. Die für den Alltag moderner Diktaturen typische Durchdringung aller Lebensbereiche mit Politik ist ein Element, das den Despotien vergangener Zeiten fehlt. Im besiegten, durch „Versailles“ gedemütigten und gesellschaftlich zerrütteten Deutschland stehen die Bedingungen für eine totalitäre Entwicklung besonders günstig. Im Gegensatz zu den Nationalsozialisten verfügen die Kommunisten über ein vollständiges Weltbild. Der Kampf gegen Großgrundbesitzer, die Kontrolle über die Industrieproduktion und die Beendigung des Krieges sind zentrale Elemente der Sowjetrevolution. Italien sieht Neumann als „verspätete Nation“. Das Land befindet sich nach dem Krieg in einem recht frühen Stadium des Kapitalismus. Eine Parteienstruktur wie im weiter entwickelten England, Frankreich oder Deutschland existiert nicht. Politische Fraktionen basieren auf persönlicher Gefolgschaft, nicht auf einem Programm. Obgleich das Land zu den Siegermächten des Ersten Weltkriegs zählt, ist den Italienern klar, dass seine „Triumphe eher seinen ruhmreichen Verbündeten geschuldet“ sind als eigenen Anstrengungen – eine Quelle nationaler Minderwertigkeitskomplexe. Der faschistische Schlachtruf „Wer ein Schwert hat, hat auch Brot“, fällt bei den durch die Nachkriegsdepression am schwersten getroffenen Gesellschaftsgruppen auf fruchtbaren Boden – bei jungen Facharbeitern und Angestellten. Neumann analysiert Herkunft und Werdegang der Führer der totalitären Bewegungen und hebt die wichtige Rolle ihrer Stellvertreter für die innere Organisation ihrer Parteien hervor. Das Phänomen der Masse, das Wesen des Einparteienstaats, die institutionellen Rahmenbedingungen zur Kontrolle der Massen und die Konsequenzen des für den Totalitarismus sinnstiftenden, permanenten Krieges sind weitere Schwerpunkte des Buches. In der von den Westmächten bis 1939 betriebenen Politik des „Appeasement“ sieht der Autor eine Konsequenz der völligen Fehleinschätzung des seinem Wesen nach auf permanente Expansion gerichteten Nationalsozialismus. Aus heutiger Sicht erscheint es befremdlich, dass der Autor die Gefahr des Totalitarismus ausschließlich mit autokratischen Regimen verbindet, nicht aber mit Demokratien. Denn autokratische Regime können in mancher Hinsicht durchaus „liberal“ sein (man denke an Chile unter Pinochet, in dem ein wirtschaftsliberaler Kurs gefahren wurde, von dem das Land heute noch profitiert), während Demokratien sich mehr und mehr zu Zwangserziehungsanstalten für ihre Bürger aufschwingen. Die großen Diktatoren jedenfalls dachten nie daran, ihren Bürgern das Rauchen zu verbieten oder vorzuschreiben, wie sie ihre Wohnungen zu beleuchten hätten. Die politischen Führer der EU sind da aus anderem Holz geschnitzt.


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