29. Juni 2016

Reisebericht Tallinn Luxuswohnen im KGB-Haus

Von Estland könnte die Kanzlerin lernen

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Bildquelle: shutterstock Stadt ohne Behördengänge: Tallinn

Tallinn, die schönste Stadt an der Ostsee, ist im Sommer hoffnungslos überlaufen. Besonders wenn Kreuzfahrtschiffe ankern, ist von den vielen Sehenswürdigkeiten kaum etwas zu erkennen. Beschauliches Schlendern und Beobachten fällt aus. Hat man einen der begehrten Aussichtsplätze auf dem Domberg endlich erobert und will sich am Blick auf die Altstadt erfreuen, drängen so viele kampferprobte Touristen nach, dass man seinen Posten bald wieder aufgibt. Erst am Abend wird es ruhiger, und unter den vielen Besuchern sind einige Einheimische zu erkennen. Die Jugend trifft sich unter dem Freiheitsdenkmal, das an die erste Unabhängigkeit Estlands erinnert, die nach dem Ersten Weltkrieg errungen wurde.

Dem Denkmal schließt sich ein Hangpark mit uralten Linden an, der zum ältesten Turm der Tallinner Stadtbefestigung hinaufführt. Eine Treppe, geschmückt mit schmiedeeisernen Vasen, erinnert an den Bürgermeister, der sie anlegen ließ. Ist man am Turm „Kieck in de Köck“, wird man daran erinnert, wie sehr die Baltendeutschen die Region geprägt haben. Man findet überall in der Stadt deutsche Inschriften. 

Der Tourismus-Boom hat die Preise in der Stadt verdorben. Man bezahlt für eine Kugel Eis 1,70 Euro, so viel wie in Berlin nur am Brandenburger Tor. Die Preise im Restaurant sind mit denen in Berlin vergleichbar. Das heißt, für estnische Rentner, deren Pension um die 300 Euro beträgt, ist Tallinn unbezahlbar. Die Immobilienpreise sind astronomisch. Wir kamen an einem aufwendig restaurierten Jugendstilhaus vorbei, in dessen schön bepflanztem Hof ein moderner Springbrunnen plätscherte. Bis 1989 war hier der Sitz des KGB. Bis in die 50er Jahre wurde im Keller eine Hinrichtungsstätte betrieben, nach stalinistischem Muster: Der Delinquent wurde in einen Raum geführt, in dem die berüchtigte „Troika“, das Tribunal, saß. Innerhalb weniger Minuten wurde der „Diversant“ zum Tode verurteilt, in den Nachbarraum geführt und dort erschossen. Die Leiche wurde dann durch ein Fenster in den Hof geschoben, wo sich heute die Bewohner vom Touristen-Stress erholen können, und auf einen Lastwagen geworfen. Unterdessen wurde der nächste Delinquent der „Troika“ vorgeführt.

Wer Lust hat, in einer so geschichtsträchtigen Umgebung sein Domizil aufzuschlagen, muss 5.000 Euro pro Quadratmeter berappen. Zwei Wohnungen sind noch zu haben. Am Gebäude erinnert nichts an seine frühere Funktion. Im Souterrain wird eine alternative Kneipe betrieben. Am Eingang hängt ein Spruch vom Dalai Lama über den Wert jedes einzelnen Lebens. Das wirkt auf mich makaber, denn der Richtplatz war nur wenige Meter entfernt.

Mehr als 17 Prozent der Esten wurden während der sowjetischen Okkupation von den Sowjets umgebracht oder in Lager deportiert. In jeder estnischen Familie gibt es Opfer zu beklagen. Kein Wunder, dass auch die Esten äußerst misstrauisch beobachten, was beim Nachbarn Russland vor sich geht. Narva ist eine Stadt, die von der estnisch-russischen Grenze geteilt wird. Auch auf der estnischen Seite sind über 90 Prozent der Einwohner Russen. Während der Krimkrise pilgerten hunderte von Journalisten aus aller Welt nach Narva, weil sie erwarteten, dass russische Panzer über die Brücke rollen würden, um in Estland einzufallen. Das geschah nicht. Wider Erwarten blieb es auch unter der russischen Bevölkerung im estnischen Teil der Stadt ruhig. Die Russen haben kein Interesse daran, ihren estnischen Pass gegen einen russischen einzutauschen. Ihr Lebensstandard ist viel höher als in Putins Reich, sie genießen die Vorteile, EU-Bürger zu sein.

Das Verhältnis zwischen Esten und Russen wäre noch entspannter, wenn die Esten nach der Unabhängigkeit nicht alle Russen aufgefordert hätten, das Land zu verlassen. Viele, die in Estland geboren worden waren und hier ihre Heimat sahen, empfanden das als Affront, um so mehr, als sich auch viele Russen an der legendären baltischen Menschenkette am 23. August 1989 beteiligt hatten, die von Tallinn nach Vilnius reichte. Sie wollten ebenso wie ihre estnischen Landsleute die Unabhängigkeit von der Sowjetunion.

Die Unabhängigkeit kam im Sommer 1991. Im Unterschied zu den beiden anderen baltischen Staaten ohne blutige Kämpfe. Wie wir in Tartu, der zweitgrößten Stadt Estlands, erfuhren, ist das maßgeblich einem Generalmajor der sowjetischen Streitkräfte zu verdanken, der in den 80er Jahren in Tartu stationiert war: Dschochar Dudajew. Der gebürtige Tschetschene sympathisierte mit den Unabhängigkeitsbestrebungen der Esten. Dudajew, der auch in Afghanistan kämpfen musste und sich durch außerordentliche Kühnheit gegen die Islamisten hervortat, war in der Armee hochangesehen. Seinem Einfluss soll es zu verdanken sein, dass die Truppe nicht intervenierte, als sich die Balten von der Sowjetunion lossagten. Dudajew, der als Kind die Deportation seiner Familie nach Kasachstan miterleben musste und erst nach Stalins Tod nach Tschetschenien zurückkehren durfte, wurde der erste Präsident Tschetscheniens nach der Unabhängigkeitserklärung. Diese Unabhängigkeit wurde aber nicht anerkannt, und es kam zu zwei blutigen Kriegen, der erste begann unter dem russischen Staatschef Boris Jelzin, den zweiten führte Wladimir Putin. Mehrere Anschläge auf Dudajew schlugen fehl, bis er schließlich im April 1996 durch einen gezielten Raketenschlag getötet wurde, nachdem sein Satellitentelefon geortet werden konnte. Vom Freiheitskämpfer zum Outlaw ist es oft nur ein kleiner Schritt. Tatsache ist, dass nach Dudajews Tod die gemäßigten Kräfte der tschetschenischen Unabhängigkeitsbewegung bedeutungslos wurden. Dudajews Andenken wird in allen baltischen Staaten und der Ukraine hochgehalten. In Riga, Vilnius, Lemberg, sogar Warschau, sind Straßen nach ihm benannt. Während des Krieges in der Ukraine gab es ein Bataillon mit seinem Namen.

Um die reale Angst der Balten vor Putins Russland zu verstehen, muss man wissen, welche militärischen Muskelspiele die russische Armee aktuell betreibt. Nach dem Besuch von Präsident Obama in Tallinn verschleppten russische Geheimpolizisten einen estnischen Grenzoffizier von estnischem Territorium nach Russland. Dort wurde der Offizier in einem Schauprozess zu 15 Jahren verschärfter Haft verurteilt. Erst nach zwei Jahren konnte er gegen einen russischen Spion ausgetauscht werden. An dem Offizier sollte demonstriert werden, was die Russen tun können, wenn sie wollen. Schlimmer ist, dass vom militärischen Flugplatz hinter Narva immer mal wieder ein russisches Kampfflugzeug aufsteigt, über der Ostsee hart an der NATO-Grenze entlang bis nach Dänemark und im Bogen zurück nach Kaliningrad fliegt. Diese Flüge werden nicht angemeldet und stellen eine nicht unbeträchtliche Gefährdung des Flugverkehrs dar. Deshalb hat es sich die NATO angewöhnt, solche Flüge mit einer eigenen Maschine zu begleiten. Die dafür nötige NATO-Einheit ist bei Narva stationiert. Kein Wunder, dass die baltischen Staaten zu den letzten begeisterten Befürwortern der EU gehören, denn zwischen EU und NATO wird nicht unterschieden.

Ist das kleine Estland lediglich europäischer Subventionsempfänger? Nein, dass man von diesem Land lernen könnte, wenn man denn wollte, hat sogar unsere Kanzlerin gemerkt. Sie hat unlängst den estnischen Staatschef zu einer Kabinettssitzung eingeladen, in der er über die Erfolge der Digitalisierung in seinem Land berichten sollte. Während die Kanzlerin und ihre Minister hinter den üblichen Bergen von Papier saßen, genügte dem Esten sein iPad. In Estland werden alle Behördengänge online erledigt. Die Steuererklärung nimmt dank Flattax nur wenige Minuten in Anspruch. Innerhalb von 14 Tagen bekommt man den Bescheid, und in weiteren 14 Tagen ist das Geld, das man vom Finanzamt zurückbekommt, aufs Konto überwiesen. Rezepte werden nur noch online ausgestellt und in der Apotheke per Handy eingelöst. Selbst ein Autokennzeichen kann man online beantragen. Man bekommt das Nummernschild per Post und muss es nur noch anschrauben. Die geplagten deutschen Autobesitzer, die, wenn sie es sich leisten können, Studenten bezahlen, um die langwierigen Behördengänge zu erledigen, werden das mit Neid zur Kenntnis nehmen.

Merkels Kabinett war so beeindruckt, dass die vorgesehene Stunde um das anderthalbfache überschritten wurde. Hilfe von Estland wollte die Regierung dennoch nicht annehmen. Die Esten hatten angeboten, bei unserem Asylbewerberchaos Amtshilfe zu leisten. Sie wollten ihre Spezialisten schicken und ein System aufbauen, in dem jeder Einwanderer bei der Erstaufnahme so registriert wird, dass alle Behörden in Deutschland darauf zugreifen können. Das würde nicht nur die geplagten Ämter entlasten, sondern auch Mehrfachregistrierungen zum multiplen Bezug von Geldern verhindern. Aber es sollte wohl nicht sein, dass der legendäre Spruch: „Wir schaffen das“ nur mit estnischer Hilfe Wahrheit werden kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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