29. Juni 2016

RezensionCatherine Hakim: Erotisches Kapital

Das Geheimnis erfolgreicher Menschen

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Von Pierre Bourdieu stammt der Begriff des kulturellen Kapitals. Das bedeutet, dass für Aufstiegschancen und sozialen Status nicht nur das Kapital in Form von Vermögen eine Rolle spielt, sondern auch kulturelle Fertigkeiten. Daneben wurde in jüngster Zeit der Begriff des sozialen Kapitals entwickelt. Soziale Kontakte und Beziehungen stellen ebenfalls ein Kapital dar. Die Soziologin Catherine Hakim untersucht in ihrem gleichnamigen Buch die vierte Säule – das „erotische Kapital“.  Erotisches Kapital bedeutet, dass auch physische Attraktivität, Charme, erotische Ausstrahlung, die Fähigkeit zu flirten, Sinnlichkeit und Sexualität einen nicht unerheblichen Einfluss auf die sozialen und ökonomischen Perspektiven eines Menschen haben. Models können durch den Einsatz ihrer Schönheit Millionen verdienen. Attraktive Frauen können durch die Wahl des richtigen Ehepartners einen sozialen Status und einen Lebensstandard fern ihrer eigenen beruflichen Möglichkeiten erreichen. Wo wäre das Kindermädchen Friede Springer heute ohne die Ehe mit Axel? Politiker lächeln und herzen sich bis in die Spitzenpositionen, wie der Medienmogul Berlusconi, der die Skandale einfach weglächelte. Wie weit wäre Obama mit Glatze und Bierbauch gekommen? Hakim sieht den Einsatz erotischen Kapitals als nicht weniger legitim an als den Einsatz von Geld, sozialen Beziehungen oder kulturellen Fertigkeiten, um Ziele zu erreichen. Hakim macht darauf aufmerksam, dass für eine Frau aus der Unterschicht mit begrenzten Bildungs- und Berufsperspektiven der Einsatz von erotischem Kapital in vielen Fällen die einzige realistische Perspektive ist, zu einem hohen Einkommen zu kommen oder gar wohlhabend zu werden. Die starke Konzentration auf Attraktivität, den eigenen Körper und Sexualität sei deshalb mitnichten ein Ausdruck von Irrationalität, sondern eine realistische Beurteilung der eigenen Möglichkeiten. Den Einsatz von erotischem Kapital zu stigmatisieren oder Sexarbeit zu verbieten, sei keine Besserstellung der Frau, sondern das Gegenteil. Frauen hätten zwar nicht das „Monopol auf erotisches Kapital, sie haben nur mehr davon als Männer, und das verschafft ihnen bei Verhandlungen mit Männern einen beträchtlichen potentiellen Vorteil.“ Hakim erklärt das Angebot erotischer Dienstleistungen für Männer mit dem Hinweis auf das Gesetz des geringen Interesses. Das lässt sich einfach so zusammenfassen: Wer an einem Geschäft das geringere Interesse hat, ist in der stärkeren Verhandlungsposition. Das Interesse von Frauen an Gelegenheitssex mit Männern ist im Vergleich zu deren Wünschen gering. Die Frauen, die dazu bereit sind, können deshalb den Preis in die Höhe treiben. „Es sieht so aus, als sei das Einzige, was das männliche Interesse an Sex in irgendeiner Weise zu zügeln vermag, die Aussicht, dafür – in Gestalt von Geld oder Ehe – bezahlen zu müssen.“ Darum verdienten Frauen in der Regel in der Sexarbeit nach der Auswertung der vorliegenden Quellen in der Regel das Doppelte bis 40-fache der Stundenlöhne, die sie in anderen Jobs verdienen können. Hakim hat ein brillantes und sicher auch kontroverses Buch vorgelegt, das durch drei Aspekte besonders besticht: Erstens durch die Bereitschaft, unkonventionell und abseits der eingefahrenen Muster zu argumentieren. Zweitens durch ihr Verständnis für ökonomische Gesetzmäßigkeiten und Preismechanismen, was für Vertreter des Faches Soziologie nicht selbstverständlich ist. Drittens durch die breite empirische Basis, auf der sie ihre Argumentation aufbaut. Die Britin ist eine der interessantesten Intellektuellen, die sich auf dem Feld der Geschlechterforschung bewegen. „Erotisches Kapital“ eröffnet neue Sichtweisen und lässt die aktuellen Debatten über Models, Frauenquoten, pinke Mode, Sexarbeit und „Gender“ in einem anderen Licht erscheinen.


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