29. Juni 2016

RezensionHunter S. Thompson: Die Rolling-Stone-Jahre

Viel zu sehr Realist

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Der Journalist und Autor Hunter S. Thompson ist hierzulande vor allem durch die Verfilmung seines Werks „Fear and Loathing in Las Vegas“ bekannt geworden. Dabei schuf der „besoffene Wirrkopf“ und leidenschaftliche Nixon-Hasser mit seinen egozentrischen und subjektiven Reportagen ein eigenes Genre, „Gonzo-Journalismus“ genannt. Das Buch, das das Bild von Thompson als Drogen konsumierenden Rüpel-Journalisten unumkehrbar in den Köpfen seiner Mitmenschen – seiner Fans wie seiner Kritiker gleichermaßen – festsetzte, erschien zunächst erneut in dem Magazin „Rolling Stone“. Die jahrzehntelang andauernde Zusammenarbeit zwischen Thompson und dem Magazin entwickelte sich zur waschechten Symbiose. Denn nicht bloß der „Rolling Stone“ wurde dank der Werke Thompsons zunehmend populärer und erhielt immer mehr Profil, auch der Autor selbst bekam hier die Möglichkeit, einige seiner intensivsten Reportagen zu veröffentlichen. In dem nun auf Deutsch erschienenen „Die Rolling-Stone-Jahre“  ist die Mehrheit dieser Reportagen versammelt und chronologisch geordnet. Dazwischen beleuchten Briefe und Notizen die Entstehungsgeschichten der Texte oder geben Einblicke in die Zusammenarbeit Thompsons mit der Redaktion – die dank des exzessiven Lebensstils des Autors nicht immer ganz einfach war. Zwar vertritt Thompson, der sich 2005 im Alter von 67 Jahren durch einen Kopfschuss das Leben nahm, in seinen Werken eine freiheitliche Grundhaltung, allerdings hat er sich selbst nie als „echten Liberalen“ gesehen. Für seine anarchistische Haltung und für seinen Status innerhalb der Hippie- und Drogen-Bewegung der 60er und 70er Jahre mehrheitlich von Linken vereinnahmt, ist Thompson vielmehr – wie es auch einige seiner Freunde sahen – ein konservativer Liberaler. Bezüglich seiner Einstellung zum freien Waffenbesitz hatte Thompson als lebenslanges Mitglied der mächtigen Waffenorganisation NRA ohnehin ein nicht-linkes Weltbild aufzuweisen, denn um für ein entwaffnetes Leben zu plädieren, war er vor allem eins: viel zu sehr Realist.


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