26. Juni 2016

RezensionThorsten Hinz: Der Weizsäcker-Komplex

Eine politische Archäologie

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Kaum jemand hat nach 1945 die deutsche Geschichtspolitik und damit auch das politisch-ideologische Koordinatensystem Deutschlands so stark beeinflusst wie der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Der CDU-Politiker habe „mit seiner Rede vom 8. Mai 1985 und auch auf manche andere Weise den Linken mehr Heimatrecht in diesem Land gegeben“, jubelte der linke Autor Günther Scholz 1990. Kein Wunder also, dass Weizsäcker von den Bannerträgern des Zeitgeistes in Schulen und Medien zur Ikone stilisiert wird, während er in konservativen Kreisen als Reizfigur gilt. Kern der allgemeinen Weizsäcker-Kritik ist der Vorwurf, dass er sich durch die Biographie seines Vaters Ernst von Weizsäcker in der Nazizeit belastet fühle, weshalb er sich davon mit einer latent antideutschen Geschichtspolitik zu befreien versuche. Während er seinen Vater mit Hinweis auf die minimalen Handlungsmöglichkeiten in einer Diktatur verteidige, breche er über den Rest des deutschen Volkes den Stab. Weizsäcker bewältige ständig seinen Vater zu Lasten des Vaterlandes, lautete ein verbreiteter Kalauer. Zwar schlägt auch Thorsten Hinz mit guten Gründen in diese Kerbe, doch betont er bereits in seinem Vorwort, dass er in seinem Weizsäcker-Bild „dazugelernt“ habe und die Mahnung beherzigen wolle, „sich vor einer holzschnittartigen und moralisierenden Darstellung zu hüten“. Ein Anspruch, den Hinz mit seinem Buch vorzüglich einlöst. Dass Ernst von Weizsäcker beispielsweise bis 1943 als Staatssekretär im Auswärtigen Amt verblieb, sei durch den Versuch begründet, die Erweiterung des Krieges und vor allem den Angriff auf die Sowjetunion zu verhindern. „Keinen Anteil“, so Hinz, habe Weizsäcker zudem an der im November 1936 erfolgten Ausbürgerung des Schriftstellers Thomas Mann. Ein vermeintlich inkriminierendes Schreiben, das Weizsäcker vorgeworfen wurde, sei „lediglich eine Formalie“ ohne alternative Optionen gewesen. Ähnliches gelte für den Vorwurf der Mitwirkung an Judendeportationen. In einem hanebüchenen Urteil wurde Weizsäcker dennoch bei den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher verurteilt. Während Hinz viel Verständnis für Richard von Weizsäckers Empörung über den Umgang mit seinem Vater erkennen lässt, wirft er ihm jedoch zugleich vor, dass er für den Rest der Deutschen andere Maßstäbe anwendet. Obwohl Weizsäcker sich in seiner Rede am 8. Mai 1985 gegen Kollektivschuldthesen aussprach, erklärte er zugleich in anprangerndem Tonfall: „Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, dass Deportationszüge rollten.“ Es sei jedoch „Unsinn“, so Hinz, dass Deportationszüge „problemlos identifiziert werden konnten“. Wenn Weizsäcker den Vorwurf erhebt, dass Hitler seinen Judenhass „nie vor der Öffentlichkeit verschwiegen, sondern das ganze Volk zum Werkzeug des Hasses gemacht“ habe, dann hält Hinz dagegen: „Gerade 1932/33, als die NSDAP zur größten Partei Deutschlands wurde, nahm Hitler den Antisemitismus in öffentlichen Äußerungen zurück, weil der Judenhass viele Deutsche abstieß.“ Hinz brilliert wieder einmal mit seiner außergewöhnlichen Gabe für die Beobachtung und Interpretation entscheidender Details sowie mit seinen umfangreichen historischen Kenntnissen. So erfährt man im Buch auch vieles zum Verständnis der vollständigen Ursachen des Zweiten Weltkriegs, den Hinz spätestens ab 1941 als „machtpolitisch und ideologisch begründeten, internationalen Bürgerkrieg gegen Deutschland“ betrachtet. Das Ringen von Ernst von Weizsäcker um das Aufhalten der schlimmsten Katastrophen liest sich wie ein spannender historischer Kriminalroman, doch tendiert Hinz in diesen Passagen mitunter dazu, den roten Faden seiner Kernaussagen über Weizsäcker zu verlieren. Dennoch ist es ihm gelungen, Richard von Weizsäcker und seinen Vater mit ihren Fehlern, Verdiensten und Tragiken in einem gerechten Bild zu zeigen. Antifaschistische und sonstige Schwarz-Weiß-Maler werden an diesem Buch keine Freude haben.


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