26. Juni 2016

RezensionTomás Sedlácek: Die Ökonomie von Gut und Böse

Wenn Menschlichkeit gegen Mathematik getauscht wird

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Der Autor Tomáš Sedláček, Chefökonom einer tschechischen Großbank, lehrt an der Universität Prag und arbeitete zur Amtszeit von Präsident Václav Havel als dessen Berater. Kein ausschließlich im Elfenbeinturm sitzender Gelehrter. Ein Mann mit praktischem Zugang zu den im Buch behandelten Fragen. Der von John Stuart Mill, später auch von Friedrich August von Hayek formulierte Gedanke „Wer nichts anderes ist, wird wahrscheinlich kein guter Volkswirt sein“ charakterisiert auch die Arbeit Sedláčeks. Hier schreibt der Philosoph, nicht der Ökonom. Sein zentrales Anliegen ist es, zu klären, ob es sich auszahlt, gut zu sein, oder ob das Gute außerhalb jedes Nutzenkalküls liegt. Zu diesem Behufe schlägt der Autor mit Witz und scharfem Blick fürs Wesentliche einen Bogen von den Anfängen der schriftlichen Überlieferung, dem Gilgamesch-Epos, über das Alte und Neue Testament (letzteres hat er akribisch auf seine erstaunlich zahlreichen, wirtschaftlich relevanten Aussagen untersucht) und die „Klassiker“ der Ökonomie bis in unsere, von einer langjährigen Schulden-, Währungs- und Demokratiekrise gekennzeichneten Tage. Sedláček geht mit seiner eigenen Zunft hart ins Gericht. So kritisiert er etwa scharf deren Reduzierung des Menschen auf den Homo oeconomicus und dessen rein mathematische Funktionen. Die moderne Ökonomie lege zu viel Gewicht auf die Methode anstatt auf die Substanz. Betrachtungen der Phänomene Geld, Zinsen, Wert und Bedeutung der Arbeit (die dem Menschen erst mit der Vertreibung aus dem Garten Eden zum Fluch wurde) gehören ebenso dazu, wie solche zum Unterschied von Tausch- und Gebrauchswert sowie die Beschäftigung mit der Spieltheorie. Die ausschließliche Festlegung von Studenten der Wirtschaftswissenschaften auf den „Mainstream“ sieht Sedláček kritisch. Diesen Befund teilt er mit den Protagonisten der „Austrian Economics“. Fazit: „Wir haben zu viel Weisheit gegen Exaktheit getauscht, zu viel Menschlichkeit gegen Mathematisierung.“

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