22. Juni 2016

RezensionMartin Malek: Der Zerfall der Sowjetunion

Ursachen, Begleiterscheinungen, Hintergründe

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Was sind die Gründe dafür, dass die einst so mächtige UdSSR innerhalb von fünf Jahren zerfallen ist? Warum ist praktisch kein Blut geflossen? Und warum hat es kein Osteuropaexperte vorhergesehen? Können wir etwas lernen aus dem Zerfall der UdSSR? Vergleicht doch mittlerweile schon die Springerpresse die EU mit der UdSSR, zuletzt am 22.11.13 die „Welt“ in dem Artikel „Brüssel, das neue Moskau mit menschlichem Antlitz“. Die UdSSR war, ähnlich wie die EU, ein föderativ organisierter Unionsstaat aus 15 Republiken mit einer supranationalen Regierung und gemeinsamer Währung. Martin Malek und Anna Schor-Tschudnowskaja haben die Gründe für das Scheitern in ihrem Buch „Der Zerfall der Sowjetunion“ wissenschaftlich untersucht. Herausgekommen ist eine Sammlung von 26 Beiträgen, geschrieben von 25 Autoren aus den unterschiedlichsten akademischen Berufen. Allen ist gemeinsam, dass sie zwischen 1985 und 1991, als die UdSSR zerfiel, entweder in Osteuropa lebten oder von Berufs wegen dort tätig waren. Das führt dazu, dass der Zerfallsprozess aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beschrieben wird. Ein Aufsatz umfasst im Schnitt 20 Seiten, wodurch der Wälzer aus 500 Seiten in appetitliche Häppchen zerlegt wird. Spezielle Osteuropakenntnisse sind nicht erforderlich, allerdings hätte ein einführender Aufsatz über die Staatsorganisation der UdSSR nicht geschadet. In einem Punkt sind sich alle Autoren einig, nämlich darin, dass es den einen Grund für den Untergang nicht gibt. Vielmehr ist es ein Zusammenspiel vieler Faktoren, die den Kollaps bewirkten, allen voran das Problem, dass es nicht gelang, das Nationalbewusstsein der Völker auszulöschen und durch das Bekenntnis „Ich bin Sowjetbürger“ zu ersetzen. Das Nationalitätenproblem wird in nahezu jedem Aufsatz diskutiert oder zumindest erwähnt. Wirtschaftliche Aspekte des Zusammenbruchs werden dagegen wenig untersucht. Nur ein Aufsatz befasst sich schwerpunktmäßig damit. Zum Beispiel wäre die Analyse der sowjetischen Gemeinschaftswährung  Rubel sowie die Rolle der sowjetischen Zentralbank interessant gewesen. Hierzu schweigt das Werk völlig. Jedenfalls waren die Russen, die den sowjetischen Vielvölkerstaat praktisch allein finanzieren mussten, zahlungsmüde. Die marxistische Ideologie offenbarte ab Ende der 1970er Jahre immer mehr ihre Schwächen und die Regierung in Moskau verlor bei den Bürgern immer mehr an Vertrauen: Man glaubte nicht mehr an eine bessere Zukunft im Sozialismus. Das Reaktorunglück in Tschernobyl 1986 beschleunigte diesen Vertrauensschwund massiv. Alle Medien waren gleichgeschaltet. Political Correctness war überlebenswichtig. Wegen der Totalüberwachung gab es kein Wir-Gefühl mehr in der Gesellschaft, jeder misstraute jedem. Die Menschen waren unzufrieden mit ihrem niedrigen Lebensstandard und die Teil-Währungsreform im Januar 1991 war hier ein weiterer Einbruch. Im August 1991 kam es dann zum Putsch diverser KPdSU-Hardliner. Doch der Putsch scheiterte, denn das Militär hatte in den Jahren zuvor schon erheblich an Macht und Ansehen verloren. Darüber hinaus befanden sich Militär- und KGB-Führung in einem Loyalitätskonflikt: Sollten sie sich auf die Seite der Putschisten schlagen, die die Sowjetunion bewahren wollten, oder auf die Seite des demokratisch gewählten russischen Präsidenten Jelzin? Oder sollten sie den Generalsekretär der KPdSU und Chef des Vielvölkerstaates UdSSR (Gorbatschow), der auf der Krim gefangen gehalten wurde, stützen? Am Ende verweigerten mehrere Generäle schlichtweg den Befehl. Sie entschieden sich, nicht einzugreifen, also kein politisches Abenteuer einzugehen. Anschließend wurde die KPdSU verboten. Ein sehr lesenswertes Werk über den Weg der Osteuropäer aus der Knechtschaft. Hoffentlich erkennen die Menschen dort ihre historische Chance für Marktwirtschaft und Demokratie, und hoffentlich erkennen die Westeuropäer (noch) rechtzeitig, dass Sozialismus langfristig nie funktioniert, auch nicht mit einem menschlichen Antlitz à la EU.


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Matthias Weißbach

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