21. Juni 2016

„Mitte“-Studie der Uni Leipzig über Rechtsextremismus Und jeden Tag ein bisschen enthemmter

Gemeint sind die AfD-Wähler

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Bildquelle: shutterstock Im Visier: Die radikalisierte Mitte

Alle Jahre wieder erscheinen Studien, die uns über den wachsenden Rechtsextremismus an den Rändern und vor allem in der Mitte der Gesellschaft alarmieren. Diese – etwas zu ausführliche – Betrachtung der „Mitte“-Studie der Uni Leipzig möge helfen, die Motive der Autoren zu verstehen.

Mit stupender Konstanz und dem Segen der Muse Stupidia beschenkt und bezirzt uns ein besonders engagiertes Detachement des sozial- und politikwissenschaftlichen Universitätsbetriebs mit Studien über den (selbstredend: Rechts-) Extremismus der sogenannten Mitte. Über den „Mitte“-Studien der Universität Leipzig waltet seit 2002 obendrein Seriella, die Muse der nervtötenden Regelmäßigkeit: Alle zwei Jahre ist Bescherung. Einer der drei Herausgeber, der Sozialpsychologe Elmar Brähler, ist übrigens und reizvollerweise auch Herausgeber eines Buches über die „verschiedenen Spielarten der Intimmodifikation wie Intimpiercing, Intimtatoo, Schamhaartrimming und kosmetische Genitalchirurgie“, worin er selber einen Beitrag über „empirische Aspekte des Trends zur Teil- und Vollintimrasur“ beisteuert. Vor der enthemmten Mitte studierte er die enthemmte Köpermitte, der Mann hat’s also drauf.

Die aktuelle Studie beginnt in gebotener Schamhaarferne mit einer Freudschen Fehlleistung. „Die enthemmte Mitte – rechtsextreme und antiautoritäre Einstellung 2016“ steht fett auf der Eröffnungsseite nach dem Vorwort (Seite 9). Doch auch wenn es nicht intendiert war, trifft die Zeile durchaus zu: Die neue APO ist eine antiautoritäre Bewegung, die sich gegen das Kanzlerinnen-Präsidialregime samt der von ihm erfolgreich gelenkten Presse wendet – und gegen die koalitionäre Coterie vom Schlage Stegner-Maas-Gabriel natürlich auch, verdiente Genossen, denen der Autoritarismus längst habituell geworden ist. Und was das hinzugefügte falsche richtige Präfix angeht: Wer nicht im Staunen seine Wohnung (beziehungsweise sein Büro) nimmt, der muss am Ende im Jargon siedeln, und da verrutschen die allzu glatten Termini auch schon mal unbemerkt in ihr Gegenteil.

Apropos Jargon. Der „autoritäre Charakter“, dieser insgesamt noch recht treffende Befund des Dissonanzen-Spießers Theodor W. Adorno, taucht schon auf Seite 12 zum ersten Mal auf. Was macht der autoritäre Charakter heute? Nun, er schreibt Untersuchungen über den autoritären Charakter der anderen.

Nach der Anrufung der Studiengötzen – Marcuse, Fromm, Horkheimer und Adorno, die Budenzauberer der Frankfurter Schule, die immerhin nie den für linke Theoriebildung meist tödlichen Fehler machten, tatsächlich empirisch zu forschen – müssen wir zunächst durch sozialkundliches Füllmaterial steigen. Es sei „unstrittig“, lesen wir, „dass in der bundesdeutschen Gesellschaft seit den 1960er und 1970er Jahren ein ungeheurer Emanzipationsschub stattgefunden hat, mit dem die Individuen aus vielfachen autoritären Strukturen freigesetzt wurden“. Gewiss, nur: In welche neue Ställchen, Hürden und Gehege zogen die befreiten Schäfchen stattdessen ein? Ist irgendjemand freier geworden seither? Etwa an der deutschen Universität, wo inzwischen munter bespitzelt und kollektiv verfolgt wird, wer der falschen Partei oder Denkschule huldigt, und wo manche Fakultäten stracks zur Exklusion schreiten, sobald jemand nicht willens ist, linke Theoriemüllhalden in gendergerechter Sprache noch höher zu türmen?

„Aber jetzt ist bereits klar geworden, dass vieles besser geworden ist“, konstatieren die Studienautoren noch schnell, ehe sie in den völkischen Kloaken kopfbaden. An dieser Stelle, Theorielümmel, und nur an dieser, eine ganz ernsthafte Frage: Wie kann eine Gesellschaft besser geworden sein, die sich nicht einmal mehr auf einfachem Niveau fortpflanzt, sondern sukzessive ausstirbt? Wie soll durch Menschen, die nicht an die Zukunft glauben, für sich globalisiert dünkende Endverbraucher, die außerstande sind, ihre Enkel auch nur mitzudenken, irgendetwas „besser“ geworden sein, außer dass sie einer Kohorte angehören, der am umfassendsten und zugleich folgenlosesten die hoffentlich gut rasierten Eier beziehungsweise Muschis geleckt wurden? „Die Liberalisierung der Gesellschaft seit den 1970er Jahren hat viele Menschen aus dem Korsett normativer Rollenerwartungen und der Stigmatisierung befreit.“ Weil sie nicht mehr Eltern werden müssen? Als enkelbefreite „Großeltern“?

„Nun aber kein ernstes Wort mehr!“ (Richard Wagner 1876 nach der Premiere der „Götterdämmerung“) – und weiter im Text: „Wenn sich eine Bewegung ‚Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes‘ nennt, ruft sie einen völkisch-rassistischen Hintergrund auf, namentlich den von Oswald Spengler und Richard Darré. Sie müssen diese Hintergründe nicht einmal im Detail kennen, um entsprechend zu handeln.“ Diese trostlosen Figuren lesen in ihren tristen Seminaren offenbar keine Zeile Spengler mehr, sonst wären ihnen die Unterschiede zwischen dessen ethischem Rassebegriff und dem zoologischen Darrés bekannt, aber man muss diese Unterschiede nicht im Detail kennen, um sie souverän zu ignorieren. Jedenfalls „wird immer deutlicher, dass hinter dem rassistischen und ethnozentrischen Denken in Deutschland“ – anders als beispielsweise in der Türkei, in Saudi-Arabien, Japan oder dem Jemen – „weiterhin die Annahme einer Volksgemeinschaft als Schicksalsgemeinschaft steht“. Über den Tatbestand Schicksalsgemeinschaft, Freunde und Genossen, wird, wie der Name schon sagt, das Schicksal entscheiden, und mir ist bereits heute hinreichend übel, wenn ich überschlage, wer alles dazugehören würde. Beziehungsweise wird.

Der „Leipziger Fragebogen zur rechtsextremen Einstellung“ arbeitet sogenannte „Dimensionen“ derselben ab: Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus (die für die Zukunft entbehrlichste Dimension, wird demnächst wahrscheinlich durch „Islamophobie“ ersetzt), NS-Verharmlosung, Sozialdarwinismus sowie Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur – nach einer linksautoritären wurde nicht gefragt, vermutlich aus Rücksicht auf die beiden Unterstützer der Studie, die Heinrich-Böll- und die Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Zu jeder „Dimension“ erhielten die Befragten drei Aussagen vorgelegt, die sie auf einer fünfstufigen Antwortskala („Stimme voll und ganz zu“, „teilweise“, „teils/teils“ und so weiter) replizierten. Bei 4.902 ausgewählten Haushalten, in denen je eine Person angeschrieben wurde, und einer Rücklaufquote von 49,4 Prozent belief sich die Zahl der Probanden schließlich auf 2.420. Dass jeder zweite Angeschriebene beim Beantworten dieses manipulativen Fragensalates nicht mitmachen wollte, legt Zeugnis ab für den soliden Geisteszustand ungefähr der Hälfte dieses Restvolkes. Ohnehin scheint das Auswahlverfahren Medienberichten zufolge nicht besonders repräsentativ gewesen zu sein, weil man, um Face-to-face-Interviews führen zu können, vornehmlich Personen befragte, die sich tagsüber daheim aufhielten.

Mit der Erläuterung, eine Teil/teils-Antwort „ermöglicht zwar den Befragten, sich nicht festzulegen, gibt aber dennoch einen Hinweis auf eine höhere Ausprägung des jeweiligen Vorurteils als die Ablehnung“, gewähren die Autoren Einblick in ein halbwegs vergaunertes methodisches Denken.

Ein paar Beispiele dafür: Als Chauvinismus wird gewertet, wenn die Probanden den folgenden drei Aussagen ganz oder teilweise zustimmten: „Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben.“ (35,4 Prozent sagten ja.) „Was unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegenüber dem Ausland.“ (26,2 Prozent.) „Das oberste Ziel deutscher Politik sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung zu verschaffen, die ihm zusteht.“ (22 Prozent.) Hier bereits kann, wer mag, die Untersuchung mit einem Seufzer beiseitelegen. Ob es irgendwo auf der Welt zu diesen Fragen niedrigere Zustimmungsraten geben würde? Wenn vier von fünf Deutschen der Ansicht sind, ihr Land möge sich keineswegs auf angemessene Macht und Geltung kaprizieren, und immerhin drei von vieren meinen, deutsche Interessen sollten, wenn überhaupt, allenfalls auf Samtpfötchen vertreten werden, ist jede Extremismus-der-Mitte-Studie als eine Mischung aus Nonsens und Strebertum diskreditiert.

Wer aber nichts anderes gelernt (und sein empirisches Wissen über Intimrasur bereits erschöpfend verbreitet) hat, muss die Augen zukneifen und weiterforschen.

Ausländerfeindlich ist nach den unter Stupidia geltenden Kriterien jeder Befragte, der zustimmte bei: „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen.“ (32,1 Prozent.) Hier wird die Teils/teils-Definition virulent. Schauen wir auf das Gegenteil: Die Ausländer kommen hierher, um den Sozialstaat nicht auszunutzen. Besser? Vielleicht sollten die Brüder doch mal anfangen, empirisch zu forschen?
Desgleichen gilt dem Leipziger Elferrat als Ausländerfeind, wer unhold zustimmt der Invektive: „Die Bundesrepublik ist durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet.“ (33,8 Prozent.)

Die „Dimensionen“ Antisemitismus und NS-Verharmlosung können wir getrost übergehen, weil die Fragen ähnlich undifferenziert und empirisch stumpf sind, die Zustimmungsraten aber fast durchweg im einstelligen Prozentbereich liegen. Halten wir stattdessen kurz inne beim „Sozialdarwinismus“, der sich unter anderem darin manifestieren soll, dass „12,2 Prozent der Ostdeutschen denken, dass sich in der Gesellschaft der Stärkere durchsetzen solle“. Wie ewiggestrig! Moderne Sozialdarwinisten haben sich längst darauf verständigt, dass sich derjenige durchsetzt, der mit seiner Benachteiligung am lautesten prahlt. Und droht. Und starke Drohkollektive bildet.

Über das Zwischenfazit, dass beim „Zusammenhang zwischen Konfessionszugehörigkeit und rechtsextremer Einstellung“ die Konfessionslosen die niedrigsten, die Katholiken die höchsten Werte erreichen, allerdings darin von Gewerkschaftsmitgliedern noch übertroffen werden, naht unsere empirische Salzseedurchquerung dem eigentlichen Haileid, der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Mehr oder weniger grundlos hat „die Islamfeindschaft im Vergleich zu 2014 stark zugenommen“, heißt es, und die „Ablehnung von Asylbewerbern/Asylbewerberinnen hat von 2014 bis 2016 ebenfalls zugenommen“. Könnte das damit zu tun haben, das eine solche Ablehnung regierungs- und offiziellerseits umgekehrt kein bisschen zugenommen hat? Besteht wenigstens ein Zusammenhang mit der explodierenden Zahl der Asylbewerber und ohne Asylgrund Eingewanderten? Wir werden es aus dieser Studie nimmermehr erfahren, denn deren Autoren fahnden nach gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit ausschließlich unter den Einheimischen.

Gruppenbezogen menschenfeindlich sind demzufolge die Statements: „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden.“ (2009 sagten 21,4 Prozent dazu ja, 2016 41,4 Prozent. Was mag dazwischen passiert sein?) Und: „Durch die vielen Muslime hier fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.“ (Dieser Satz bedeute eine „Abwertung von Muslimen“; fragen Sie dazu die letzten biodeutschen Schüler in Berlin-Neukölln.) Desgleichen wer auch nur teilweise zustimmt der Feststellung: „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“ (was 58,5 Prozent taten). Wie immer in strittigen Belangen hilft die Umkehrprobe. Richtig – und vor allem nicht enthemmt rechtsextrem – ist: Sinti und Roma neigen überhaupt nicht zur Kriminalität. Deutsche neigen überhaupt nicht zur Pedanterie, Russen überhaupt nicht dem Wodka sich sehnsuchtsvoll zu, Kongolesen und Eritreer neigen indes zum zwanghaften Arbeiten. 

„Menschenfeindlich und abwertend“ verhält sich, wer der Forderung beipflichtet: „Bei der Prüfung von Asylanträgen sollte der Staat nicht großzügig sein.“ 80,9 Prozent taten es, halbe Ausländerbehörden inklusive. So nähern wir uns doch recht zügig einem Mehrheitenextremismus, der weitere Studien auf Steuer- und moralische Kosten eben dieser extremistischen Majorität bitter nötig erscheinen lässt.

Mit „Abwertung von Homosexuellen“ wiederum bekommen wir es zu tun, wenn 40,1 Prozent der Befragten dem Bekenntnis „Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen“ zustimmen. Was aber, wenn sie es einfach so empfinden? Etwas ambitionierter geforscht wäre: Wie viel Prozent derer, die hier mit „ja“ antworteten, befürworten trotzdem homosexuelle Eheschließungen? Ferner sollte einmal untersucht werden, inwieweit solcher Ekel eine natürliche Reaktion ist. Ich meinesteils empfinde ein gewisses Unbehagen, wenn sich zwei Schwule küssen, und bin dankbar, wenn sie Diskretion walten lassen, aber ich spüre nichts dergleichen, wenn zwei Lesben es tun, woraus vorurteilslosere Menschen als zum Beispiel Vorurteilsforscher folgern könnten, dass hinter meiner Teilaversion zumindest nichts Ideologisches steckt. Ich neige allerdings auch selber nicht sonderlich zum öffentlichen Herumknutschen.

Weiter. Bedeutet die Aussage „Ehen zwischen zwei Frauen beziehungsweise zwei Männern sollten nicht erlaubt sein“ auch eine Abwertung von Homosexuellen? Na, was denn sonst! (36,2 Prozent machten sich schuldig.)

Und immer weiter! Wer dem Satz zustimmte: „Unruhestifter sollten deutlich zu spüren bekommen, dass sie in der Gesellschaft unerwünscht sind“, offenbarte eine fatale Neigung zu „autoritärer Aggression“. Eine genauere Definition des Terminus „Unruhestifter“ – Kölner Spontanpartyfeierer an Silvester? Donald Trump? Pegida? – konnte bei dieser eindeutigen Sachlage unterbleiben. Das Gegenteil, nämlich „autoritäre Unterwürfigkeit“ wiederum, trat bei denjenigen Studienteilnehmern zutage, die meinten: „Menschen sollten wichtige Entscheidungen in der Gesellschaft Führungspersonen überlassen“ (also etwa der Frau Dr. A. Merkel). Das mag alles etwas konfus wirken, doch worauf sonst als auf Enthemmung bereits inmitten der Mitte sollte solche Konfusion hinweisen?

Wir kommen, endlich, zum Sexismus. Es gibt der Sexismen hier zwei, den traditionellen und den modernen. „Moderner Sexismus ist durch die Leugnung der Diskriminierung von Frauen charakterisiert.“ Wer also dem Befund: „Die Diskriminierung von Frauen ist in Deutschland immer noch ein Problem“ überhaupt nicht oder eher nicht zustimmt: Sexist! Mehr als die Hälfte der Probanden äußerten sich so. Der Anteil der Frauen darunter wurde leider nicht ausgependelt; solch schmerzliche Einblicke in die Seele von sich obendrein noch selber Diskriminierenden ersparten die Auguren sich und uns.

Wer meint, wir seien jetzt endlich fertig, hat den Sinn solcher Untersuchungen nicht verstanden. Das war alles nur Ouvertüre. Die enthemmte Mitte, das ist selbstverständlich niemand anders als der AfD-Wähler. Die AfD nämlich, so „zeigte die Analyse der Umfragedaten der letzten Mitte-Studie“, konnte „Milieus ansprechen, die zwar antidemokratisch und/oder menschenfeindlich eingestellt sind, die bisher aber demokratische Parteien wählten. Für diese – sich selbst der ‚Mitte’ zurechnenden – Milieus ist die NPD als offen rechtsextreme Partei nicht wählbar gewesen.“ Die „potentiellen Wählerinnen und Wähler der AfD (sind) besonders islamfeindlich, homophob, antiziganistisch und feindlich gegenüber Geflüchteten eingestellt“, heißt es. „Schließlich ist auch die hohe Gewaltakzeptanz und Gewaltbereitschaft bei den Wählerinnen und Wählern der AfD hervorzuheben.“ (Deshalb, gewissermaßen ausgleichshalber, werden AfD-Politiker und -Einrichtungen auch so oft von Linksfaschisten angegriffen.)

87,7 Prozent der potentiellen AfD-Wähler stimmten der „Demokratie als Idee“ zu, aber „Zustimmung zur Demokratie, wie sie tatsächlich funktioniert“, äußerten nur 11,1 Prozent (absoluter Tiefstwert). Zustimmung gab es bei den Befragten mit AfD-Präferenz zu folgenden Aussagen: „Ich hätte Probleme damit, wenn sich Sinti und Roma in meiner Gegend aufhalten.“ (84 Prozent.) „Sinti und Roma neigen zu Kriminalität.“ (89 Prozent.) „Die meisten Asylbewerber befürchten nicht wirklich, in ihrem Heimatland verfolgt zu werden.“ (88,4 Prozent.) „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden.“ (80,3 Prozent.) „Durch die vielen Muslime fühle ich mich manchmal wie ein Fremder im eigenen Land.“ (85,9 Prozent.) „Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen.“ (51,5 Prozent.) „Homosexualität ist unmoralisch.“ (34,7 Prozent. Zum Vergleich: CDU/CSU 29,5 Prozent, SPD 26,1 Prozent, Linke 16,4 Prozent, Grüne 13,3 Prozent.) Das sind durchweg die Höchstwerte. Ob indes eine dieser Aussagen von Extremismus zeugt? Ich kann keinen entdecken.

Die Studie – je öfter ich dies Wörtchen niederschreibe, desto mehr lächerts mich – trifft die Unterscheidung in „demokratische“ sowie „vorurteilsgebundene und autoritäre“ Milieus. Letztere offenbaren erstens „starke Vorurteile (manifest/latent)“, zweitens eine „vergleichsweise große Bereitschaft zur autoritären Aggression“ (das unterscheidet sie von der Antifa, deren Aggressivität sich keineswegs nur auf die Bereitschaft beschränkt), und drittens kennzeichnet sie ein „besonders ausgeprägter Verlust von Vertrauen in das demokratische System“.

Schauen wir uns ein paar dieser Milieus an. Zunächst wäre da das „moderne“ (gleich helldeutsche). „Die Islamfeindschaft ist mit 16,8 Prozent so niedrig wie in keinem anderen Milieu.“ Daraus folgern wir kühn: Modern gleich islamfreundlich. Über die kleine Dissonanz, dass viele authentische Islamfreunde oder -brüder beim Wort „modern“ zusammenzucken oder gar nach dem Messer tasten, gehen wir generös hinweg.

Sodann folgt das „konforme Milieu“. Gerührt lese ich: „Das politische Klima in diesem Milieu ist chauvinistisch und ausländerfeindlich gefärbt.“ Und: „Die Abwertung von Muslimen ist in diesem Milieu sehr stark.“ Aus welchen Unmenschen mag es bestehen? Schauen wir auf die Parteipräferenz: Grüne 7,4 Prozent, Linke 5,5 Prozent, AfD 7,0 Prozent, SPD 19,9 Prozent.

Stenographisch weiter: Ressentimentgeladenes Milieu („ausländerfeindliche Atmosphäre“, „potentiell ethnozentrisch“): Grüne 3,7 Prozent, Linke 5,0 Prozent, AfD 7,0 Prozent, SPD 18,9 Prozent.

Latent antisemitisch-autoritäres Milieu („Klima eindeutig ethnozentrisch und antisemitisch“ – latent eindeutig! –; „In keinem anderen Milieu herrscht ein derart ausgeprägtes Klima autoritärer Aggression“): Hier holt die AfD endlich auf: 13,1 Prozent (Grüne 4,6 Prozent, Linke 4,0 Prozent – die linken Antisemiten sind entweder nicht autoritär, oder die Luxemburg-Stiftung hatte was dagegen). Immerhin: SPD 22,7 Prozent vor CDU 18,2 Prozent.

Das „ethnozentrisch-autoritäre Milieu“ überspringen wir, um beim „rebellisch-autoritären Milieu“ zu enden; dort herrscht ein „ausgeprägt rechtsextremes Klima“ bei folgenden Parteipräferenzen: 15,7 Prozent CDU, 12,9 Prozent SPD, 2,7 Prozent Grüne, 4,8 Prozent Linke, 29,3 Prozent AfD. Ist es nicht bemerkenswert, dass jeder 20. Linke und jeder achte Sozialdemokrat in Wirklichkeit ein „ausgeprägter“ Rechtsextremer ist?

Resümee: „In fast allen Milieus gibt es manifeste und latente Ressentiments gegenüber Gruppen, die als abweichend oder fremd wahrgenommen werden.“ Sogar und speziell unter den Autoren unserer Mitte-Studie. „Dabei ist die Haltung gegenüber Migranten/innen der Kristallisationspunkt, an dem sich demokratische und antidemokratische Milieus voneinander abgrenzen“, raffinierterweise; wer die Forcierung von Buntheit durch die Einwanderung von Freiheitsfeinden, Sexisten und Fremdenhassern ablehnt, kann dies nurmehr noch aus Freiheitsfeindschaft, Sexismus und Fremdenhass tun.

Weiter lesen Sie am besten hier – hinter einer mühsam durchquerten Studienwüstenei erstreckt sich immer prompt die nächste –: Eine empirische Untersuchung der Uni Münster hat ermittelt, dass „islamisch-fundamentalistische Einstellungen unter Einwanderern aus der Türkeiweit verbreitet“ sind. Der Aussage „Muslimesollten die Rückkehr zu einer Gesellschaftsordnung wie zu Zeiten des Propheten Mohammed anstreben“, stimmen laut einer Emnid-Umfrage 32 Prozent der Befragten „stark“ oder „eher“ zu. Der Aussage „Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe“ stimmen sogar 47 Prozent der Befragten zu. Jeder Zweite bejaht „stark“ oder „eher“ die Einstellung „Es gibt nur eine wahre Religion“.

Tja, geneigter Leser, wenn Sie das stört, landen Sie unfehlbar in der nächsten „Mitte“-Studie. Sie soll heißen: „Die hemmungslos enthemmte Mitte“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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