21. Juni 2016

Litauen Allzu lebendige Vergangenheit

Angst vor Wiederholung

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Bildquelle: shutterstock Früher mal das „Jerusalem des Nordens“: Vilnius, Hauptstadt von Litauen

Litauen hat eine der eigentümlichsten Staatsgeschichten Europas. Es wird meist nur als einer der drei kleinen baltischen Staaten wahrgenommen, wobei den Europäern kaum bewusst ist, dass Litauen, Lettland und Estland eine ganz verschiedene Vergangenheit haben.

Vilnius war lange Zeit die Hauptstadt des Großfürstentums Litauen, eines riesigen Agglomerats aus zwei Sprachregionen, dessen zweite Hauptstadt Krakau war. Das Litauische gehört wie das Lettische zur baltischen Sprachgruppe und ist so alt, dass es noch Teile aus dem Sanskrit beinhaltet. Der diese Sprache sprechende Stamm herrschte über eine slawische Bevölkerung, aus deren Dialekten das Weißrussische und das Ukrainische hervorgingen. Die Ukraine war ab Beginn des letzten Jahrtausends für viele Jahrhunderte zum großen Teil litauisch. Heute fahren viele Litauer gern in die Ukraine, um die Überreste litauischer Burgen zu besichtigen.

Ursprünglich heidnisch, übernahmen die litauischen Fürsten bald die christliche Religion. Bis heute ist der Katholizismus sehr stark, was dazu geführt hat, dass die Litauer eine höhere Geburtenrate aufweisen als Resteuropa. In Vilnius kann man in der Altstadt auf Schritt und Tritt Stellen finden, an denen man drei oder gar vier Kirchen sehen kann.

Trotzdem nannte man Vilnius zu Beginn des letzten Jahrhunderts das „Jerusalem des Nordens“, denn fast die Hälfte der Bevölkerung war jüdisch. Die andere Bevölkerungshälfte war zu dieser Zeit polnisch, denn der Lauf der Geschichte hatte den Niedergang des litauischen Großfürstentums und den Anschluss an Polen gebracht. Der Anteil der Litauisch Sprechenden betrug gerade noch drei Prozent. Die Wiedergeburt des Litauischen im 20. Jahrhundert grenzt an ein Wunder. Paradoxerweise gab die zaristische Regierung, als Litauen zwischenzeitlich unter russische Herrschaft gefallen war, mit ihrer harschen Russifizierungspolitik dafür den Ausschlag. Als sie nach der Niederschlagung des antizaristischen Aufstands von 1863 beschloss, die Russifizierung voranzutreiben, verbot sie unter anderem den Druck von Büchern im lateinischen Alphabet. Die Litauer ließen daraufhin ihre Bücher dicht hinter der Grenze des russischen Imperiums in Ostpreußen drucken und sie von Schmugglern ins Land bringen. Diese „Bücherträger“ schleppten allein zwischen 1865 und 1886 über vier Millionen Bücher und Zeitschriften über die Grenze. Die Folge war die erste Generation, die Litauisch lesen und schreiben konnte. Man kann ohne große Übertreibung sagen, dass ein wesentlicher Baustein des modernen Litauen die Philologie war.

Diesen erstaunlichen Widerstandsgeist haben die Litauer sich bewahrt. Als nach dem Hitler- Stalin-Pakt die Sowjets das Land, das ursprünglich anders als Estland und Lettland ein neutraler Staat bleiben sollte, okkupierten, leisteten die Litauer lang anhaltenden Widerstand. Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg, bei einer Bevölkerung von drei Millionen, 54.000 Partisanen, die bis in die 60er Jahre sich in den Wäldern den Sowjets widersetzten. Der letzte Partisan wurde 1965 getötet. Deshalb wurde Litauen nie so sowjetisiert wie die anderen baltischen Staaten. Heute gibt es nur sechs Prozent Russen im Land, während in Riga, der Hauptstadt Lettlands, 60 Prozent Russen leben.

Die Geschichte dieses Partisanenkrieges wird heute im Genozid-Museum von Vilnius thematisiert. Seit Beginn der Unabhängigkeit haben die Litauer eine breit angelegte Forschung über ihre Partisanenbewegung betrieben. Seitdem sind eine Fülle von Büchern, Dissertationen und Studien entstanden.

Das zweite Thema des Museums sind die Deportationen von Litauern in den Gulag, die unmittelbar nach der sowjetischen Okkupation begannen. Große Teile der Intelligenz und der Beamten wurden als erste deportiert, später auch einfache „Klassenfeinde“. Die Deportationen kamen durch den Überraschungsangriff der Nazis zu einem vorläufigen Halt. Es standen noch mit Menschen vollbeladene Waggons auf dem Bahnhof, als sich die Stadt schon in der Hand der Wehrmacht befand. Einen kurzen Augenblick glaubten die Litauer an ihre Befreiung, ehe sie realisierten, dass sie nur in die Klauen einer anderen Diktatur gelangt waren.

Als erste bekamen das die Juden zu spüren, als das alte Judenviertel zum Ghetto erklärt wurde, das bald darauf hermetisch abgeschlossen wurde. Im großen Ghetto lebten vor allem die arbeitsfähigen Juden mit ihren Familien, während im kleinen Ghetto hauptsächlich Alte und Kranke untergebracht waren. Hier begannen auch die Transporte nach Ponary, das sind die kleinen Eichenwälder auf den Hügeln in der Nähe der Stadt, in Vorkriegszeiten ein beliebtes Ausflugsziel der studentischen Jugend. Dort wurden die Menschen erschossen und in Massengräbern verscharrt. Dabei haben Angehörige der Saugumo, der litauischen Gestapo, die deutschen Einsatzkommandos unterstützt. Diesem düsteren Kapitel ist der dritte Teil der Ausstellung im Genozid-Museum gewidmet.

Untergebracht ist die Gedenkstätte in einem Flügel des ehemaligen KGB-Gebäudes, das während der Naziokkupation das Hauptquartier der Gestapo war. Nach der Vertreibung der Nazis aus der Stadt nahm das NKWD, wie die Geheimpolizei in dieser Zeit hieß, seine Tätigkeit sofort wieder auf. Im Keller des Gebäudes befanden sich ein Gefängnis und eine Hinrichtungsstätte, deren Betrieb nach Stalins Tod stillschweigend eingestellt und deren Spuren verwischt wurden. Erst nach der Unabhängigkeit fand man die Überreste und konnte die Vorgänge rekonstruieren. Der Gefangene wurde in einen tiefer gelegenen Teil des Kellers geführt. Dort saß in einem kleinen Raum die sogenannte „Troika“, ein Gericht, dessen Urteil sofort vollstreckt wurde. Gleich nach der Verkündung wurde der Verurteilte in einen Nebenraum geführt und erschossen. Das Blut wurde durch einen speziell angelegten Bodenabfluss mit Wasser weggespült. Die Leiche schob man durch ein Fenster in den Hof und von dort auf einen Lastwagen, während schon der nächste Delinquent verurteilt werden konnte. Das ging wie am Fließband. Die Massengräber der so Ermordeten wurden erst nach 1991 entdeckt, die Toten exhumiert und würdig bestattet. Einige ihrer Habseligkeiten kann man im Keller sehen, die Namen der Ermordeten, die identifiziert werden konnten, wurden in die Fassade des Gebäudes eingraviert. Erschreckend viele Jugendliche sind dabei.

Dem KGB-Gebäude gegenüber befindet sich eine weiträumige Grünanlage, in deren Mitte ein Lenin-Denkmal stand. Mit ausgestrecktem Arm zeigte der verehrte Führer den Weg in Richtung Kommunismus. Er wies ironischerweise auf das Haus des Terrors.

Oberflächlich erinnert im heutigen Vilnius wenig an die Vergangenheit. Das ehemalige Ghetto ist heute ein exklusives Viertel mit teuren Boutiquen, Schmuckläden, Kunstgalerien und angesagten Restaurants. Am ehemaligen Ghettozugang hängt ein kunstvolles Schild, das auf die Vergangenheit hinweist. Beachtet wird es kaum, wie ich feststellen konnte. Die Touristen bewundern die „Perle des Barock“, wie Vilnius auch genannt wird. Wenn man die längste Straße der Altstadt, die drei verschiedene Namen trägt, entlanggeht, kommt man an über 60 Baudenkmälern vorbei. Das ist rekordverdächtig. Der Mief der Sowjetzeit ist aus dem Stadtzentrum so vollständig verschwunden, dass man meinen könnte, er sei nie da gewesen. Selbst früher gerissene Lücken sind wieder gefüllt. So steht das Ende des 18. Jahrhunderts niedergelegte Renaissance-Schloss wieder in alter Pracht neben der Kathedrale. Es beherbergt heute ein kulturgeschichtliches Museum. Die wenigen Neubauten aus Sowjetzeiten sehen aus wie Bausünden, die man in jeder westlichen Stadt findet.

Spricht man aber mit den Litauern, stellt man fest, dass die Angst regiert, die schlimmen geschichtlichen Erfahrungen der Vergangenheit könnten sich wiederholen. Das ist nicht nur die Furcht vor einer Aggression des russischen Nachbarn, dessen Militärzüge in Richtung Kaliningrad täglich Litauen durchqueren. Was geschähe, wenn 2.000 russische Soldaten mit ihrer Ausrüstung in Vilnius ausstiegen? Wird der Westen wieder Verrat üben wie 1941 oder später auf der Konferenz von Jalta, als Stalin seine baltische Beute von seinen Verbündeten zugesprochen bekam? Was ist von europäischen Politikern zu halten, die lange brauchten, um zu begreifen, dass es sich bei den baltischen Staaten um drei ganz unterschiedliche Gebilde handelt, die nicht, wie man sich das vorstellte, nur zu störrisch waren, einen einheitlichen Staat zu bilden? Der Dilettantismus, mit dem die EU, allen voran Deutschland, die Ukrainekrise behandelte, hat das Vertrauen in europäische Politik nicht gestärkt.

Hier ist man an der Peripherie Europas, und Russland ist nah. Dilettantismus ist das Letzte, was die Litauer gebrauchen können. Man setzt, was militärischen Schutz betrifft, auf die Amerikaner.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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