21. Juni 2016

RezensionThorsten Polleit: Ludwig von Mises

Leben und Werk für Einsteiger

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„Es gibt eine Reihe namhafter Gesellschaftswissenschaftler, die Mises (1881-1973) für den bedeutendsten Ökonomen halten, der jemals gelebt hat.“ Das schrieb Roland Baader in „Geld, Gold und Gottspieler“. Ein hochkarätiges Professorenquartett sieht das auch so, und so entstand das vorliegende Brevier über Ludwig von Mises. Hans Hermann Hoppe übernahm den ersten Teil. Er beschreibt – eher allgemein – Mises’ Leben und Werk. Hier erfährt man zum Beispiel, warum Mises kaum bekannt ist. Der Grund ist dessen Staats- und Geldsystemkritik, die intellektuell so brillant wie vernichtend ist und die die herrschende Klasse (Spitzenpolitiker sowie Eigentümer der Großbanken) in ihrem unethischen Handeln bloßstellt. Er hatte den Herrschenden nie – wie viele andere Volkswirte – zugearbeitet. Er kämpfte gegen den ökonomischen Analphabetismus, von dem die Herrschenden so sehr profitieren. So ist es kein Wunder, dass sein Werk bis heute keinen Eingang in die staatlichen Hochschulen fand, jedenfalls und vor allem nicht in Deutschland. Teil zwei übernahm Jörg Guido Hülsmann. Er stellt dem Leser Mises‘ „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ vor, mit der er sich 1912 habilitierte und von der Roland Baader meinte, sie sei „die nach wie vor brillanteste einschlägige Analyse unseres Fachs“. Mises legte mit diesem Werk – bezogen auf die Tradition der klassischen Ökonomie Adam Smiths – das geldtheoretische Fundament für das 20. und das 21. Jahrhundert. Dieses Werk war damals bahnbrechend und ist es bis heute. Im dritten Teil präsentiert Philipp Bagus die Staatskritik Mises’. Danach kann ein sozialistischer Staat langfristig nie funktionieren, da den Planern wegen der Marktmanipulationen verlässliche Preise für ihre Kostenrechnung fehlen, ähnlich einem Ingenieur, der eine Brücke bauen will, ohne über die dafür notwendigen genauen Daten zu verfügen. Der Staat als Unternehmer kann nach Mises ebenfalls keinen Erfolg haben, da Bürokraten für ihre Fehlentscheidungen nicht mit ihrem eigenen Vermögen haften. Am Ende wendet sich Bagus Mises‘ Kritik am staatlichen Interventionismus zu und veranschaulicht diese anhand der durch die EZB im Jahr 2008 ausgelösten und bis heute andauernden Euro-Rettungsspirale. Im vierten Teil setzt sich Thorsten Polleit mit den Methoden auseinander, die in der Ökonomie zur Erkenntnis führen (sollen). Der Leser muss sich hier mit wirtschaftswissenschaftlicher Methodologie auseinandersetzen, was zunächst nach staubtrockenem Stoff klingt. Doch nach einigen Seiten wird klar, dass Polleit hier eine wichtige Frage behandelt, die bisher wenig Beachtung fand. Die herrschende Lehre in der Ökonomie ist seit langem positivistisch-empirisch, das heißt sie orientiert sich an bekannten Daten und Zahlen aus der Vergangenheit (Ansatz a posteriori), macht Experimente, betreibt Studien, akzeptiert nur, was naturwissenschaftlich beobachtbar ist. Diametral entgegengesetzt ist der Ansatz von Mises. Sein Ausgangspunkt ist rein theoretisch (a priori) und damit gerade nicht positivistisch. Mises grundlegender Leitsatz (Axiom) ist, dass der Mensch zwangsläufig immer handelt. Er bildet verschiedene Kategorien des Handelns und leitet daraus ökonomische Gesetzmäßigkeiten ab, die immer gelten, und zwar wie Naturgesetze. Er nannte das „Praxeologie“. Durch das praxeologische Vorgehen kann der Volkswirt fundamentale Gesetzmäßigkeiten erkennen, deren Nichtbeachtung prognostizierbar negative Ergebnisse zur Folge hat. Mises sagte daher in seinem 1940 erschienen Opus magnum „Nationalökonomie“ der westlichen Zivilisation den Untergang voraus, sollte sie den eingeschlagenen methodologischen Weg weitergehen und die durch reine Theorie gefundenen Gesetzmäßigkeiten missachten. 70 Jahre später ist Mises’ Warnung von beklemmender Aktualität. Trotz der geringen Seitenzahl ist das Buch alles andere als oberflächlich. Den Autoren ist es gelungen, Mises‘ Leben und Werk auf 150 Seiten zu verdichten. Wer den „letzten Ritter des Liberalismus“ auf fachlich hohem Niveau kennenlernen möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei.


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Matthias Weißbach

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