20. Juni 2016

Claus Kleber verlässt den Kreis seriöser Journalisten Der „Klexit“

Zum Glück gibt es andere Informationsquellen

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Bildquelle: shutterstock Moderiert und eingeordnet: Der Zuschauer politisch korrekt vollversorgt

Abend für Abend ist Claus Kleber das Unbehagen über die Fesseln förmlich anzusehen, die ihm der Rundfunkstaatsvertrag anlegt. An den ist sein Arbeitgeber nämlich gebunden. Für ARD und ZDF gelten klare Grundsätze zur Trennung von Berichterstattung und Kommentaren sowie unmissverständliche Regeln für eine unverfälschte Wiedergabe von Interviews und Statements. Geschickt haben Kleber und seine Kollegen diese Grenzen über die Jahre allerdings immer weiter verschoben. Schon vor geraumer Zeit ließ uns der ZDF-Mann tief in seine Gefühlswelt blicken: Der Moderator des heute-journals mokierte sich über „das trockene Nachrichtenablesen“ seiner Kollegen. Es ist ihm zuwider, dass es immer noch Inseln professionellen journalistischen Wirkens gibt, von denen aus Nachrichten einfach nur übermittelt werden. Geradezu fatal, wenn der unbedarfte Fernsehzuschauer durch selbständiges Denken auf den Irrweg einer eigenen politischen Meinung geriete. Lieber möchte der große Moderator die Menschheit am Füllhorn seiner Weisheit teilhaben lassen und sicherstellen, dass das Publikum auch den letzten Winkel seiner weltmännischen Eloquenz gemeinsam mit ihm bereist. Nein, einfach nur berichten, was es Neues gibt, ist Klebers Sache nicht.

Am Donnerstag hat sich der ZDF-Moderator nun endgültig aus dem Kreis der seriösen Journalisten verabschiedet. Seine „Einordnung“ des Mordes an der britischen Parlamentarierin Jo Cox nur wenige Tage nach einer eigentümlichen Bewertung des islamistischen Terrorakts von Orlando führte dem Zuschauer die ganze Bigotterie vor Augen, für die der Journalismus unserer Zeit so häufig am Pranger steht. Hatte der vor allem wegen seiner sachfremden Moderation während der Flüchtlingskrise in die Kritik geratene Kleber zu Wochenbeginn trotz erdrückender Faktenlage noch alle Register gezogen, um uns davon zu überzeugen, der brutale Terroranschlag eines von den amerikanischen Behörden als Islamist eingestuften Mannes sei lediglich aus privatem Hass erfolgt, konnte er nach dem Mord an Cox nicht schnell genug einen Zusammenhang zum britischen EU-Referendum herstellen. Derlei unseriöse Spekulationen stufen die britischen Ermittler eher als unwahrscheinlich ein. Immer klarer wird, dass es sich bei dem Täter um einen unpolitischen Geisteskranken handeln dürfte. Dies jedenfalls belegen die Aussagen seiner Nachbarn und derer, die ihn kennen. Sie alle sagten aus, dass sich der 52-jährige Einzelgänger trotz möglicher Sympathien für rechte Gesinnungen niemals politisch positioniert oder gar politischen Gruppierungen angeschlossen habe.

Doch Kleber griff gierig nach dem Strohhalm, verwies auf den Hass der EU-Gegner und ergötzte sich an den aus ihm heraussprudelnden Superlativen, mit denen er den Einsatz der Labour-Abgeordneten Cox für Europa lobte. Qualvoll beschrieb er das Grauen, das die „Brexit“-Kämpfer über das Land gebracht hätten. Derweil schlachteten britische EU-Unterstützer den Tod umgehend für ihre politischen Ziele aus. Die europäischen und amerikanischen Institutionen weiden sich seither in einem Mord, der ihren wirtschaftlichen Interessen in die Karten spielt. Denn es ist klar, wie das Votum nun ausgehen wird. Lagen die Gegner bis zum vergangenen Donnerstag mehr oder weniger klar in Front, so dürften die Befürworter eines britischen EU-Verbleibs durch die negative Konnotation der „Leave“-Kampagne am 23. Juni nunmehr einen Sieg erringen. Geschickt haben es die Klebers dieser Welt verstanden, zwei Vorgänge miteinander zu verknüpfen, die nichts miteinander zu tun haben. Ein Irrer, der eine dreifache Mutter ermordet, die sich als linke Abgeordnete in der führenden Politik engagiert hat. Mehr braucht es nicht. Claus Kleber gibt sich unschuldig. Er wolle lediglich Nachrichten „moderieren und einordnen“, damit der Zuschauer sie auch versteht. Dieses Selbstverständnis hatte sicher auch die „Aktuelle Kamera“. Zum Glück gibt es heute viel mehr Informationsquellen als in der damaligen DDR.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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