20. Juni 2016

RezensionKlaus Rainer Röhl: Verbotene Trauer

Ende der deutschen Tabus

Artikelbild

Klaus Rainer Röhl hat die Vertreibung der Danziger Bevölkerung durch die Rote Armee am eigenen Leibe erfahren. Als „Konkret“-Herausgeber schlug er sich zunächst dennoch auf die Seite der Weltverbesserer, heiratete gar den späteren Popstar der Szene Ulrike Meinhof. Mit dem Ende der alten „Konkret“ begann auch Röhl, seine politischen Ansichten grundlegend zu ändern. Seit 20 Jahren nun wehrt er sich gegen jede Form des linksgrünen Zeitgeistes. Im vorliegenden Buch gibt er der Trauer über die deutschen Opfer des Zweiten Weltkriegs den gebührenden Raum. Es solle nun doch endlich möglich sein, auch dieser Opfer des Hitler-Regimes zu gedenken, meint Röhl. Auf Grundlage eigener Jugenderfahrungen führt er zunächst sehr persönliche, aber keinesfalls unbedeutende Argumente gegen die Theorie einer Kollektivschuld des deutschen Volkes an Holocaust und Weltkrieg auf, um im Anschluss die propagandistischen Methoden der nationalistischen Sozialisten im Kampf um Sympathie und Gehorsam der eigenen Bevölkerung darzustellen. Auch die Deutschen waren Hitlers Opfer, so will es Röhl verstanden wissen. Emotionale Höhepunkte sind sicherlich die dann folgenden Kapitel, in denen eine vielschichtige Palette der Greueltaten der Alliierten gegen die Zivilbevölkerung in deutschen Städten und auf dem Lande Ostpreußens dargestellt wird. An diesem Punkt gelingt es Röhl auf sehr ergreifende Art und Weise, auch den Lesern ohne persönliche Erfahrung an den letzten Weltkrieg die Grausamkeiten und das Leid des Krieges nahezubringen. Als nahezu unvorstellbar grausam bleiben die geschilderten Erfahrungen aus Bombenhagel und Flucht dem jüngeren Leser im Gedächtnis haften. Klaus Rainer Röhl macht greifbar: Auch diese Opfer haben ein Andenken verdient. „Verbotene Trauer“ ist ein durchweg empfehlenswertes Buch. Literarische Angebote, sich von moralisierender Eintönigkeit bezüglich der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs zu lösen, sind ansonsten rar gesät.


„Klaus Rainer Röhl: Verbotene Trauer – Ende der deutschen Tabus“ bei amazon.de kaufen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

Dossier: Literatur

Mehr von Henning Lindhoff

Über Henning Lindhoff

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige