17. Juni 2016

RezensionHenning Lindhoff (Hrsg.): Freiheitskeime 2014

Ein libertäres Lesebuch

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Gute Argumente sprechen dafür, den an die Wurzel gehenden Liberalismus (Libertarismus) als die zeitgenössische Fortschreibung der Traditionen von Reformation, Aufklärung und Humanismus zu verstehen. Das ernstgenommene und respektierte Individuum entfaltet seine einzigartige Persönlichkeit in Würde, frei von Bevormundung und angemaßter Autorität anderer. In diesem historischen Kontext bietet das von Henning Lindhoff zusammengestellte libertäre Lesebuch einen ausgezeichneten interdisziplinären Rundumblick, um die heutige Lage der verschiedensten gesellschaftlichen Entwicklungen zu erfassen. Das Büchlein quillt geradezu über vor libertärem Geist aus internationalen, begabten Federn. Ralph Bärligea betrachtet die staatlichen Abgabenquoten am Maßstab der biologischen Lotka-Volterra-Regeln über Räuber-Beute-Beziehungen, was nur auf den ersten Blick nichts mit der von Glenn Jacobs thematisierten „Laffer-Kurve“ über optimale Besteuerung und maximale Staatseinnahmen zu tun hat. Hauke Marxen erläutert anschaulich die irritierenden Unterschiede zwischen herrschender privater und öffentlicher Moral, indem er darstellt, wie Kindergärtner demgemäß konsequent zu richtigem Verhalten erziehen müssten, und Lew Rockwell bearbeitet die Frage, inwieweit es unmoralisch sei, in Steuererklärungen falsche Angaben zu machen. „In manchen Umwelten ist Wahrheit sogar fatal“, meint Mario Fleischmann und spricht allen Libertären Mut zu, die Ideale der Freiheit familiär-vertikal und zeitgenössisch-horizontal wie eine fröhliche Melodie zum Mitsingen in die Ohren anderer zu pfeifen. Die Zeit, einem zunehmend übergriffigen Staat mutig entgegenzutreten und für den Respekt vor jedem einzelnen Menschen einzutreten, sei jetzt. Denn „die kommende Diktatur wird nicht mehr zu stürzen sein. Nicht von außen, weil es kein Außen mehr geben wird. Und nicht von innen, weil die technische Entwicklung auch für den Tyrannen neue, ungeahnte Möglichkeiten gibt“, warnt Igor Alexandrowitsch Ryvkin. Weil jede Alternative zum Markt stets zwangsläufig auf Konzepte der Bevormundung zurückgreifen muss, beschreibt Stefan Blankertz die schwächenden Meinungsverschiedenheiten zwischen radikalen Libertären und Anarchisten als historische Katastrophe. Wie aber erreicht man die von Axel B.C. Krauss geforderte libertärkopernikanische Wende gegen das staatsptolemäische Weltbild? Wie kann unsere „Trabbi-Justiz“ in eine „Mercedes-Justiz“ umgewandelt werden, wie Oliver Janich es nennt? Sicher nicht, indem man nur die grauen Realitäten der „Sozialamtskunden“ (ef-Herausgeber André F. Lichtschlag) rhetorisch „verhübscht“ (PdV-Vorsitzende Susanne Kablitz). Peter Boehringer rät zu dem völlig unspektakulären Widerstands-Akt, Papiergeld gegen Sachwerte zu tauschen, um das staatliche „Betrugsgeldsystem“ zu beenden.  Die von Rahim Taghizadegan (Institut für Wertewirtschaft) herausragend dargestellte Begriffsgeschichte des Wortfeldes um die Freiheit („Unfreiheit empfinden wir, wenn Sein, Sollen und Wollen nicht zusammenpassen. Freiheit hingegen ist Konsonanz zwischen dem, was ist, dem was sein soll, und dem, was wir wollen“) wird von Tommy Casagrande auf die knappe Formel verdichtet: „Freiheit ist Eigentum an mir selbst.“ Diesem Selbsteigentum widersprechen aller Zwang und alle Gewalt. Denn ob eine Gewalt eine andere Gewalt tatsächlich einzudämmen vermag, darf man, Michael von Prollius folgend, füglich bezweifeln. In jedem Falle gilt die von Kalle Kappner formulierte Einsicht: „Der Zwang, Gutes zu tun (oder auch nur Gutgemeintes), ist und bleibt Zwang.“ Den „Freiheitskeimen“ ist nach alledem im besten Falle zu wünschen, dass die Kanzlerin sie in aller Öffentlichkeit für „nicht hilfreich“ erklärt, damit möglichst viele kritische Geister alleine deshalb freudig-interessiert zu diesem Lesebuch greifen. Doch auch wenn dieser mediale Ritterschlag dieses Mal noch ausbleibt: Jeder Menschen- und Freiheitsfreund ist aufgerufen, es zu lesen und es zur Verbreitung der Botschaft zu verschenken.


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