17. Juni 2016

RezensionChristian Ortner: Prolokratie

Demokratisch in die Pleite

Artikelbild

Der liberale österreichische Journalist Christian Ortner, Betreiber der Blogs „Das Zentralorgan des Neoliberalismus“, bricht mit dieser Streitschrift mehr als nur ein Tabu. Er führt darin die heilige Kuh des modernen Wohlfahrtsstaates – das Prekariat – vor. Er hält dessen Anwälten einen Spiegel entgegen, in dem nichts Erfreuliches zu sehen ist. Außerdem äußert er – als einer der wenigen heimischen Publizisten, die populär genug sind, um nicht totgeschwiegen zu werden – Kritik am demokratischen System, was für gewöhnlich mit gesellschaftlicher Exkommunikation durch die Dressurelite geahndet wird. Der Grund dafür, dass das nicht geschehen ist: Die herrschenden Eliten haben es dank des von ihnen zur Schau gestellten Gemischs aus Inkompetenz und Niedertracht so weit gebracht, dass selbst radikal gegen den Strich gebürstete Meinungsäußerungen nicht nur akzeptiert, sondern sogar dankbar angenommen werden. Daran ändert nichts, dass die über die Deutungshoheit verfügenden linken Tugendwächter mit Ablehnung reagieren. Ortners Kernthese: Wachsende Teile der Bevölkerung verblöden immer mehr. Daraus folgt ein Niedergang der Qualität der von den „Kevins und Jessicas“ getroffenen politischen Entscheidungen. Das ist plausibel, denn wer Dreck nicht von Schuhcreme unterscheiden kann, wird bei der Beantwortung komplexer politischer Fragen kaum Kompetenz an den Tag legen. Schlichte Naturen sind eher am Ende der Einkommensskala zu finden und damit die zuverlässigsten Klienten des Wohlfahrtsstaates. Die immer größer werdende Zahl der Nachfrager staatlicher Umverteilungsmaßnahmen führt zu einem stetig wachsenden Stimmgewicht dieser Gesellschaftsschichten. Anfang der 60er Jahre präsentierten die Kabarettisten Bronner, Qualtinger und Co. eine Nummer namens „Die Unterentwickelten“. In dieser heißt es: „Wenn wir was lernen, werden wir zwar gescheiter, aber heute kommen wir mit der Blödheit viel weiter.“ Was in einer Zeit, als Kinder (im Gegensatz zu heute) nach Abschluss der Grundschule fähig waren, zu lesen und zu schreiben, als weit vorweggenommene Bestätigung des Befunds, den Christian Ortner nun vorlegt, verstanden werden kann. Einen Ausweg scheint nur der Systemkollaps mit anschließendem Neustart zu bieten. Auf dem Boden des gegenwärtigen Systems ist nichts zu hoffen, weil die vom System der Prolokratie Begünstigten nicht freiwillig von ihren „wohl erworbenen Rechten“ lassen werden. Schmerzen wird es die Anhänger der Massendemokratie, dass Ortner nicht nur die Mär von der Überlegenheit von Mehrheitsentscheidungen, sondern auch das Mantra vom demokratischen System als Freiheits- und Wohlstandsgenerator in Frage stellt, indem er autokratische Erfolgsmodelle wie China, Singapur oder Oman dagegenhält. Er stellt die Frage, wie weit es mit der Freiheitsliebe in einem System her sein kann, das seine Leistungsträger um rund zwei Drittel ihres Einkommens bringt und das die gesamte Bevölkerung mit täglich neuen Regeln und Verboten drangsaliert. Ortners Forderung, das Wahlrecht – analog zur Fahrerlaubnis – an gewisse geistige Fähigkeiten zu binden, erscheint nicht abwegig. Allerdings ergibt sich insofern ein gewichtiger Einwand, als man aus dem Mund einfacher Menschen oft erheblich Gescheiteres zu hören bekommt als aus dem von Akademikern – insbesondere dann, wenn es sich um Soziologen oder Politikwissenschaftler handelt, die, kaum der Uni entronnen, auf politischen Mandaten hocken und von Steuergeldern leben. Formale Bildung schützt weder vor Blödheit noch vor Verkommenheit. Ortner fordert: „Kevin und Jessica müssen daran gehindert werden, die Konten heute noch Ungeborener zu plündern.“ Dem ist grundsätzlich zuzustimmen. Wie das gehen soll, wird indessen nicht ganz klar. Die Auswahl von Mandataren durch das Los mag eine brauchbare Methode sein. Auch das Zitat aus Hayeks „Verfassung der Freiheit“, in dem ein Ausschluss aller Empfänger von Transferzahlungen vom Wahlrecht gefordert wird, ist gut gewählt. Doch wer sollte das durchsetzen – gegen den Willen einer Wählermehrheit?


„Christian Ortner: Prolokratie – Demokratisch in die Pleite“ bei amazon.de kaufen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

Dossier: Literatur

Mehr von Andreas Tögel

Über Andreas Tögel

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige